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JETZT ODER NIE Der Kanton Graubünden wird deutlich teurer | FOTO: AdobeStock/bill_17

Morgens legt sich das Licht wie flüssiges Silber über die Seen des Engadins, während auf den Gipfeln noch der Schnee des vergangenen Winters glitzert. In Graubünden bestimmt nicht allein die Lage den Preis einer Immobilie – sondern ihre Unersetzlichkeit. In Graubünden kauft man nicht, man erwirbt ein Stück Alpenmythos. Schneebedeckte Gipfel, glasklare Seen und traditionsreiche Dörfer bilden die Kulisse eines Immobilienmarktes, in dem internationale Nachfrage und strenge Zweitwohnungsregelungen auf ein chronisch knappes Angebot treffen. Doch der Kanton ist alles andere als homogen: Während St. Moritz und das Oberengadin längst in einer eigenen Liga spielen, entwickeln Davos, Klosters, Arosa, Lenzerheide oder Chur ihre ganz eigenen Profile. 

Gerade diese Vielfalt macht Graubünden zu einem der spannendsten Luxusimmobilienmärkte Europas. Der Kanton Graubünden ist laut aktuellen Preisdaten deutlich teurer geworden: Im Mai 2026 lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis im Kanton bei rund 9.592 Franken, Wohnungen bei etwa 11.012 Franken und Häuser bei rund 8.172 Franken. Die Preise stiegen in den letzten zwölf Monaten spürbar – bei Wohnungen um rund 11 bis 12 Prozent, bei Häusern um etwa 4 bis 6 Prozent, je nach Datenquelle und Betrachtungszeitraum. 

Gleichzeitig stuft Union Banque Swiss (UBS) die Tourismusregionen Graubündens in ihrer Risikokarte als Gebiete mit hohem Ungleichgewicht ein – vor allem aufgrund des Zweitwohnungsbooms und des knappen Angebots. Das bedeutet: Der Immobilienmarkt ist nicht überhitzt im ganz klassischen Sinn, sondern eben strukturell angespannt. Angebot und Neubautätigkeit bleiben begrenzt, weshalb selbst auf dem heutigen Preisniveau eine bemerkenswert robuste Nachfrage zu beobachten ist. Für Eigentumswohnungen in der Schweiz erwartet die UBS 2026 insgesamt weitere Preissteigerungen von rund drei Prozent, während Luxusobjekte in Bergregionen bereits 2025 mit einem Plus von sechs Prozent deutlich dynamischer waren als der übrige Immobilienmarkt. 

Im Schweizer Luxussegment sind die Bergregionen der stärkste Motor, und Graubünden steht dabei ganz vorne. Die durchschnittlichen Quadratmeterpreise liegen in St. Moritz bei rund 52.000 Franken, während Gstaad und Verbier bei etwa 45.000 Franken liegen; diese Bergdestinationen haben 2025 mit sechs Prozent Preisplus besonders stark zugelegt. Für eine 150 Quadratmeter große Eigentumswohnung in guten Lagen der Schweizer Luxusgemeinden sind im Durchschnitt vier bis fünf Millionen Franken zu kalkulieren, bei Einfamilienhäusern mit großem Umschwung schnell über zehn Millionen Franken.

Graubünden profitiert dabei von zwei Faktoren: erstens vom globalen Ruf seiner Spitzenorte, zweitens von der Knappheit an verfügbarem Bauland und streng regulierten Zweitwohnungen. Besonders ausländische Käufer treiben die Nachfrage, da Schweizer Bergimmobilien als werthaltig, sicher und international lesbar gelten. Die Folge ist ein Markt, der weniger über Rendite als über Seltenheit, Prestige und Lebensqualität funktioniert.

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PANORAMA-AUSSICHT Der Verkauf einzeln stehender Objekte ist sehr selten | FOTO: AdobeStock/Ilhan Balta

St. Moritz ist die unangefochtene Ikone des Bündner Luxusmarkts. Die Preise reichen in Toplagen laut Marktberichten bis in den Bereich von 25.000 bis 40.000 Franken pro Quadratmeter, in Ausnahmefällen und Spitzenlagen wie Suvretta sogar darüber. Daten auf bellevue.de lassen für St. Moritz im Juli 2026 einen durchschnittlichen Preis von 18.732 Franken pro Quadratmeter ableiten, während spezialisierte Marktberichte für Luxusobjekte deutlich höhere Werte ausweisen – ein Hinweis auf die starke Spreizung zwischen Standard- und Trophy-Segment. Das Einzigartige an St. Moritz ist nicht nur der Preis, sondern die Markennatur des Ortes. Die Destination funktioniert als internationales Luxuslabel mit Winter, Lifestyle, Eventkultur und extremer Knappheit. Käufer suchen hier nicht einfach eine Ferienwohnung, sondern einen Ort mit maximaler Wiedererkennbarkeit, sozialem Prestige und alpiner Weltgeltung. Im weiteren Engadin sind Celerina, Silvaplana, Sils, Pontresina und Schanf besonders interessant. Dort liegen gehobene Preise oft zwischen 15.000 und 19.000 Franken pro Quadratmeter, in den Seegemeinden und Premiumlagen teils darüber. Silvaplana und Sils stehen für See- und Landschaftsqualität, Celerina für die Nähe zu St. Moritz mit etwas breiterem Preisband, Pontresina für einen etwas ruhigeren, aber sehr gefragten alpinen Charakter. Das Engadin insgesamt ist damit eine Region der feinen Abstufungen: weniger spektakulär als St. Moritz im Markensinn, aber oft landschaftlich noch reiner und wohnlich nachhaltiger. 

Davos und Klosters bilden in Graubünden einen zweiten, sehr wichtigen Luxuspol. Davos ist stärker auf Ganzjahresnutzung, Kongresse, Wintersport und Infrastruktur ausgerichtet, während Klosters traditionell etwas diskreter, exklusiver und wohnlicher wahrgenommen wird. Neue Projekte wie ALTEA, SOLEA, SOLDANELLA, Felina oder Mareia zeigen, dass die Nachfrage in diesen alpinen Märkten weiter hoch ist und Neubauwohnungen schnell vergeben werden. Preislich liegt Davos im Luxus- und Neubausegment unter St. Moritz, ist aber keineswegs günstig. Die Region profitiert von der Kombination aus internationalem Publikum, guter Erreichbarkeit, starkem Wintersport und stabiler touristischer Nachfrage. Klosters wiederum wirkt stärker als stiller Rückzugsort für Käufer, die den alpinen Luxus weniger laut inszenieren wollen als in St. Moritz. Das macht die Gemeinde für Familien und langfristige Nutzer besonders attraktiv. 

Arosa und Lenzerheide sind im Graubündner Markt die deutlich bodenständigeren, aber hochattraktiven Alternativen. Der Marktbericht von Ginesta beschreibt, dass die Preise für Wohneigentum auch auf dem aktuell hohen Niveau gut abgestützt bleiben, begünstigt durch beschränktes Angebot und tiefe Bautätigkeit. Gerade das macht die Region interessant: weniger internationalen Glamour als St. Moritz, aber ein sehr stabiles Umfeld mit hoher Freizeitqualität. Arosa lebt von seinem Kur- und Bergimage, der klaren Alpenatmosphäre und einem eher familiären, entspannten Charakter. Lenzerheide punktet mit moderner Wintersportinfrastruktur, direkter Erlebnisqualität und guter Erreichbarkeit aus Chur. Beide Orte sind vor allem für Käufer interessant, die weniger auf weltberühmte Prestigeadressen setzen, sondern auf solide alpine Substanz und ein etwas besseres Preis-Leistungs- Verhältnis.

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WILDROMANTISCH Natur pur ist gerade in Graubünden allgegenwärtig | FOTO: AdobeStock/belov3097

Chur ist zwar kein klassischer Luxusort wie St. Moritz, aber strategisch äußerst wichtig. Als Kantonshauptstadt mit guter Erreichbarkeit, urbaner Infrastruktur und Zugang zu den alpinen Hotspots ist Chur für Käufer relevant, die Wohnqualität mit Funktionalität verbinden wollen. Die UBS nennt Chur sogar unter den Regionen mit guten Voraussetzungen für überdurchschnittliche Preissteigerungen in den kommenden Quartalen. Das Einzigartige von Chur ist die Kombination aus Stadt und Bergzugang. Der Ort funktioniert als Drehkreuz zwischen Hochpreismarkt und Alltagsleben und gewinnt für Käufer an Bedeutung, die nicht ausschließlich Ferienimmobilien suchen, sondern dauerhafte Wohn- oder Basisobjekte mit Nähe zu den Spitzenlagen. Die Nachfrage in Graubünden wird von mehreren Käuferschichten getragen: wohlhabende Schweizer, internationale Zweitwohnsitzkäufer und Käufer mit Fokus auf Werterhalt. Die UBS verweist auf den starken Einfluss ausländischer Käufer in den Bergdestinationen und darauf, dass die Preisentwicklung der letzten Jahre durch Vermögenszuwächse an den Börsen und geopolitische Unsicherheiten zusätzlich gestützt wurde. Die hohe Belastung mit Zweitwohnungen sorgt gleichzeitig dafür, dass das Angebot sehr begrenzt bleibt und freie Objekte schnell absorbiert werden. Trotz der starken Nachfrage weisen Makler auf eine gewisse Verlangsamung hin. Die Tragbarkeit sei in den luxuriösen Eigentumswohnungsmärkten teils schwindend, und in manchen Erstwohnungsmärkten habe sich bereits ein Preisplateau gebildet. Für Graubünden heißt das aber nicht Schwäche, sondern eher eine Normalisierung auf sehr hohem Niveau. 

Graubünden unterscheidet sich von anderen Schweizer Luxusregionen vor allem durch die Dominanz des alpinen Ferien- und Zweitwohnungscharakters. Hier ist der Markt stärker saisonal, stärker international und deutlich stärker von Landschaft und Schneesicherheit geprägt als etwa am Zürichsee oder in städtischen Märkten. Der Wert einer Immobilie hängt deshalb nicht nur von Bauqualität und Lage ab, sondern auch von Blick, Sonnenlage, Erreichbarkeit und touristischem Ruf des Ortes. Ein zweiter Spezialfaktor ist die Knappheit an Neubau und Boden. Das stützt die Preise selbst dort, wo die allgemeine Konjunktur etwas schwächer wird. Ein dritter Faktor ist die emotionale Kraft der Marke Engadin beziehungsweise St. Moritz: In keiner anderen Schweizer Bergregion ist der internationale Wiedererkennungswert so hoch.

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Gerhard Rodler

Chefredakteur