Schweizer Voralpen - Was bleibt, wenn die Kühe gehen?
Gerade in den Schweizer Voralpenregionen gibt es viele nicht mehr genutzte landwirtschaftliche Gebäude – die zu begehrten (Neben-)Wohnsitzen werden. Ein Blick auf die Umbaukultur zwischen Denkmal, Design und Besitzfrage
Morgens, irgendwo zwischen Appenzell und Obwalden. Der Nebel liegt schwer über dem Tal, in der Luft hängt der Duft von feuchtem Holz, von Heu vielleicht. Ein malerischer Stall schält sich aus dem Nebel – verschiefertes Dach, Holzbalken, bröckelnder Putz. Es fehlt nur noch das flauschige Schaf, die miedergeschnürte Magd und der wachsame Hirte und wir könnten auf einen Gobelin aus dem 19. Jahrhundert schauen. So ist es wahrscheinlich eher ein Instagram-Account. Denn: Was aussieht wie Relikt, ist oft schon Re-Interpretation. Alte Ställe werden in den Voralpen heute begehrte Objekte. Und ihre Umnutzung zur Frage: Ist das wirklich Erhalt? Und wenn ja: für wen?
Vom Nutzbau zum Nest
In vielen Regionen der Voralpen – von Flühli im Kanton Luzern über das Prättigau in Graubünden bis ins Toggenburg im Kanton St. Gallen – entstehen aus ehemaligen Ökonomiegebäuden zeitgemäße Rückzugsorte: kleine Wohnhäuser, Ferienresidenzen, gelegentlich auch Ateliers. Ihre größte Qualität: die Substanz selbst. Die Holzbalken, die Patina, die Proportionen – sie erzählen vom bäuerlichen Leben, von der Schwere der Arbeit, vom Stand der Technik um 1900. Heute wird gedämmt, entkernt, erweitert – oft mit Bedacht, manchmal mit Ambition, selten mit Kühen. Ein gelungenes Beispiel: Ein Stallumbau in Oberschan im Kanton St. Gallen, entworfen von Carlos Martinez Architekten, der alte Materialien mit modernen Elementen kombiniert. Oder die Umbauten in Vättis und Tenna in Graubünden, wo schlichte Volumen mit Sichtbeton und Glas ergänzt wurden – ohne die Ursprungsform zu verwässern. Die Projekte zeigen, wie sensibel in der Schweiz mit Bestand umgegangen wird, wenn der Wille da ist, nicht nur Raum und Prestige, sondern Sinn zu schaffen.
Was ist noch Kultur – und was schon Trophäe?
Diese Art des Bauens – das Erzählen durch Weiterbauen – hat ihren Preis. Nicht nur finanziell. Wer sich heute ein solches Objekt sichern will, braucht nicht nur ein gutes Architekturbüro, sondern oft auch die richtige Postleitzahl. In Voralpenregionen wie dem Emmental, im Luzerner Hinterland oder den Gemeinden rund um den Walensee trifft das kulturelle Interesse am Bestand auf den Marktdruck durch Zweitwohnungsnachfrage. Der Stall wird damit zum Prestigeobjekt, das zum Wohlstandsparadox wird: Was früher möglichst viele Kühe waren, ist heute möglichst wenig Nutzen: Hätten sich die Bauern vergangener Zeiten je träumen lassen, dass ihr Stall ohne Kühe einmal wertvoller sein würde? Besitz, nicht Gebrauch, wird zur Währung.
Zwischen Romantik und Realität
Der nach modernen Vorstellungen historische Stall erfüllt damit eine Doppelfunktion: Er ist Sehnsuchtsbild – befeuert von Tourismusbroschüren, Wohnzeitschriften und Architekturfotografie – und Sinnbild dafür, wie sehr Authentizität kontruiert sein kann. Doch er wirft auch Fragen auf. Zum Beispiel: Zählt Erhalt als Erhalt, wenn das Erhaltene nicht mehr zugänglich ist? Werden hier Kulturgüter aus der Gesellschaft herausgenommen oder wird zum Verfall Verurteiltes einer neuen Bestimmung zugeführt? Ist es gut, wenn der Stall zwar stehen bleibt, aber hinter Sichtschutzhecken verschwindet – als Teil einer Welt, die sich nur wenige leisten können?
Was bleibt
Dabei liegt in der Umnutzung solcher Bauten auch eine Chance. Denn leerstehende Gebäude nützen niemandem – auch nicht der Region. Ein gut gemachter Umbau kann Erinnerung bewahren, Wertschöpfung schaffen und Landschaft respektieren. Er kann architektonische Geschichten erzählen – von Struktur, Material, Zeit. Nur sollte man nicht vergessen: Es ist eine neue Geschichte. Die alte steht vielleicht noch im Grundbuch. Oder in der Stallchronik. Oder in den Erzählungen derer, die hier früher gemolken, gelagert, gelebt haben. Vielleicht also steht irgendwo ein Stall im Nebel, der sich verändert hat – äußerlich und in seiner Bedeutung. Und vielleicht geht das auch in Ordnung. Solange man weiß, was man da eigentlich erhalten will.