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Die Lage verblüfft selbst Experten. Völlig unbeeindruckt von der Corona- Pandemie ist Kanadas Immobilienmarkt heiß gelaufen. Berichtet wird von Häusern, die innerhalb von wenigen Tagen den Besitzer wechseln und einen Verkaufspreis erzielen, der deutlich über dem Angebotspreis liegt. Wer jetzt einsteigt, muss sich nicht nur zwischen Wildnis, Hunderttausenden Seen und Multi-Kulti-Metropolen orientieren, sondern auch in einem sehr dynamischen Immobilienmarkt.

Der Preis ist heiß

Den vorläufigen Höhepunkt bei Kanadas Hauspreisen und den Verkäufen gab es im März 2021. Zwar kühlte sich die Situation seitdem leicht ab, dennoch zeigt der landesweite Jahresvergleich (Juli 2020/Juli 2021) bei den durchschnittlichen Verkaufspreisen einen Anstieg von über 15 Prozent. Der Home Price Index der Canadian Real Estate Association (CREA) stieg innerhalb eines Jahres sogar um 22,2 Prozent. Es zeigt sich, dass Kanadas Immobilienmarkt auch in Zeiten geschlossener Grenzen auf einem soliden Fundament steht, weil die inländische Nachfrage bestimmend ist. Schon 2019 begann diese Entwicklung, als steigende Mieten und geringe Zinsraten bei vielen Kanadiern den Wunsch nach dem Eigenheim befeuerten. Inzwischen übersteigt die Nachfrage das Angebot deutlich – Kanada ist ein Verkäufermarkt.

Haus am See oder Wälder

„Bei den deutschsprachigen Käufern aus Europa sehen wir drei Gruppen“, sagt Makler Freddy Marks von der 3A Group in Agassiz (BC). Zur Mehrheit (ca. 60 Prozent) sind mittlerweile die Investoren avanciert, wobei es zwei Motivationen gibt. Die einen suchen einfach nur eine Kapitalumschichtung ihres Vermögens durch Landkäufe in MAGNET DES WESTENS Vancouver ist eine pulsierende und kosmopolitische Hafenstadt mit hoher Lebensqualität – und das Zentrum der kanadischen Filmindustrie. Villen können bis zu 24 Millionen Euro kosten Kanada. Sicherheit steht da an erster Stelle. Andere wollen mit Investitionen in Gewerbe- oder Mietobjekte auch Renditen erzielen. Allerdings ist Wohnvermietung in Kanada ein schwieriger und umkämpfter Markt – besonders wegen der Mieterfluktuation und der hohen Eigentumsquote (70, bei Einzelhäusern sogar 90 Prozent). Der Inselmakler Farhad Vladi (Vladi Private Islands mit Büros in Hamburg und Halifax) beobachtet zudem starke Investitionen in kanadisches Forstland. Es geht da nicht unbedingt ums Bäumefällen: Auch mit unberührten Wäldern lassen sich durch die Erlangung von handelbaren CO2-Zertifikaten (Carbon Credits) Gelder generieren.

Einwanderer und Käufer von Ferienimmobilien sind mit jeweils 20 Prozent Anteil die beiden anderen deutschen Käufergruppen. Bei den Käufern von Zweitwohnsitzen steht meist noch der klassische Kanada- Traum von der Abgeschiedenheit inmitten der Natur an erster Stelle, wobei die Wildnis in Kanada oft schon gleich hinter der Stadtgrenze beginnt. Großer Renner als Zweitwohnsitz bleibt das Block House mit Seegrundstück. Log Homes, die teilweise sehr aufwendig gefertigt werden, sind für viele Deutsche der Lifestyle-Faktor schlechthin. Auch ganze Inseln sind begehrt. Für den Spezialisten Farhad Vladi steht vor dem Kauf die Prüfung des Objekts: Volleigentum, Baugenehmigungen, funktionierende Infrastruktur (Wasser, Strom, Internet etc.) und die Erreichbarkeit (Anlegeplatz, Hafen) müssen gegeben sein. Wichtig ist zu wissen, ob lokale oder ausländische Nachfrage den Preis bestimmen.

Weine und Wilder Westen

Viele Deutsche zieht es in die landschaftliche Vielfalt von British Columbia (BC): Prägend sind 7.000 Kilometer Pazifikküste, vorgelagerte Inseln, Fjorde, Flüsse und die Bergwelt der Rockies. Viele der über 240.000 Seen liegen in den Tälern des zentralen Hochlands. Das lockt ganzjährig Touristen – es ist das Land par excellence für Outdoor-Aktivitäten.

Die Provinz erstreckt sich über 945.000 Quadratkilometer, in etwa so groß wie Frankreich und Italien zusammen, aber mit nur fünf Millionen Einwohnern. Über zwei Drittel der Bevölkerung konzentrieren sich im Süden: Greater Vancouver (ca. 2,5 Mio.), Großraum der Hauptstadt Victoria, Thompson-Okanagan-Region. Holzwirtschaft, Minen, Farmen und Dienstleistungen machen BC zu einer der wohlhabendsten Gegenden Kanadas. Ein Haus kostete hier im Juni 2021 durchschnittlich 620.000 Euro (plus 22,1 Prozent im Jahresvergleich). Am teuersten ist Vancouver: Der Richtpreis für ein Einzelhaus liegt hier bei 1,22 Millionen Euro (Condos: 500.000 Euro). Laut Engel & Völkers lag der höchste Angebotspreis zuletzt bei 24 Millionen Euro. Bezieht man die weitere Umgebung (das Lower Mainland) ein, werden 780.000 Euro zur Richtschnur für den Hauskauf.

Nur im Süden lohnt sich Farmwirtschaft. Berühmt ist Kanadas größtes Weinanbaugebiet, das Okanagan Valley. Es ist eingebettet in eine Region mit verschiedenen Ökosystemen (Medianpreis für Häuser: 515.000 Euro).

Weiter nördlich beschränkt sich die Landwirtschaft meist auf das Weideland der Ranches. Wer wirklich weg will von allem, ist im nordöstlichen Peace River District (117.000 Quadratkilometer, 63.000 Einwohner) bestens aufgehoben (Medianpreis für Häuser: ca. 183.000 Euro).

Noch isolierter ist die Lage in der extrem dünn besiedelten Region The Chilcotin im westlichen Zentrum zwischen den Coast Mountains und dem Fraser River. Das Gebiet gilt als der Wilde Westen Kanadas. „Solche ganz abgelegenen Gegenden ohne Infrastruktur wie Internet, Straßen und Ortschaften sind momentan aber eher out“, erklärt Makler Freddy Marks. Bevorzugt wird der angrenzende Cariboo District, wo allerdings auch keine Enge aufkommt: Der Hauptort Williams Lake zählt 10.750, der ganze Bezirk 62.000 Einwohner auf einer Fläche, die größer als Bayern ist (Medianpreis für Häuser: 250.000 Euro).

Maritimes Flair und Indian Summer

Die Atlantikhalbinsel Nova Scotia ist aufgrund der kürzeren Entfernung zu Europa (6,5 Stunden Flugzeit) und einem niedrigen Preisniveau ebenso beliebt bei europäischen Zweitwohnsitzkäufern. Geboten wird viel maritimes Flair sowie eine Waldund Seenlandschaft in der zweitkleinsten Provinz Kanadas (55.500 Quadratkilometer Fläche, 950.000 Einwohner). Das Küstenklima ist im Winter vom warmen Golfstrom beeinflusst. Der südlichste Ort Yarmouth liegt auf dem Breitengrad von Südfrankreich. Halifax, Hauptstadt von Nova Scotia, ist mit seinen ca. 400.000 Einwohnern das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der gesamten kanadischen Atlantikküste – eine pulsierende Hafen- und Universitätsstadt sowie ein Drehkreuz. Die Küste ist geprägt von idyllischen Buchten und Fischerorten, wo Hummer und Muscheln fangfrisch auf den Tisch kommen.

Nova Scotia gehört zu den Gegenden mit den größten Preissprüngen Kanadas bei Immobilien. Lag der durchschnittliche Verkaufspreis für Häuser im Juni 2020 noch bei 190.000 Euro, sind es 12 Monate später 250.000 Euro (plus 31,6 Prozent). Die Bevölkerung wächst. Es gibt viele kanadische Käufer, die in hochpreisigen Regionen wie Ontario oder British Columbia verkaufen, um günstigere Objekte in Nova Scotia zu erstehen. „Bei Zweitwohnsitzkäufern aus Deutschland ist vor allem der Süden der Provinz angesagt“, sagt Farhad Vladi – also Halifax und Umgebung sowie das Gebiet South Shore (unter anderem Chester, Hubbards, Lunenburg, Liverpool), Yarmouth sowie das Annapolis Valley an der Fundy Bay. Die höchsten Preise verzeichnen Halifax und Chester. Im Juni 2021 kosteten Häuser im Durchschnitt knapp 320.000 Euro in Halifax, 215.000 in South Shore, 161.000 in Yarmouth und 203.000 Euro im Annapolis Valley. Die Preise in Nova Scotia bleiben also sehr attraktiv im Vergleich zu Europa, den USA und den Ballungszentren Kanadas.

Dr. Gerald Paschen

ist Politikwissenschaftler und Spezialist für die internationalen Immobilienmärkte