TOP OF THE WORLD Am Suvretta-Hang von St. Moritz steht eine der teuersten Luxusvillen der Welt. Ihr Wert wird auf 180 Millionen Franken geschätzt. Die Promi-Gemeinde im Engadin ist der teuerste Immobilienstandort im gesamten Alpenraum | Foto: St. Moritz Tourismus/Gian Giovanoli

Spontankäufe sind in der Immobilienbranche eher selten. Doch es scheint, als hätten die kollektiven Lockdown-Phasen in Kombination mit einer uns bisher unbekannten Art der viralen Bedrohung neue Kaufimpulse gesetzt. Frei nach dem Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ erleben Europas Makler seit dem zweiten Halbjahr 2020 einen regelrechten Run auf Ferienimmobilien. Die Schweiz mit ihren Bergen und Seen, perfekter Infrastruktur und einem gut funktionierenden Gesundheitssystem steht dabei ganz oben auf der Wunschliste. In ihrem Alpine Property Focus Report stellen die UBS-Analysten für 2021 bei Ferienwohnungen den stärksten Preisanstieg seit 2012 fest.

Alm-Office statt Homeoffice

Die allgemeinen Reisebeschränkungen hatten zur Folge, dass sich die Zahl der Inlandstouristen 2020 verdreifachte. Im ersten „Corona-Sommer“ haben auch viele Einheimische die Vorteile einer Ferienimmobilie vor der Haustür für sich neu entdeckt. Flexiblere Arbeitsplatzregelungen taten ihr Übriges dazu. Vor allem in den Ballungszentren entstand während der Pandemie neuer Bedarf nach extra Wohnraum, was viele dazu brachte, sich direkt nach einem alternativen Arbeits- und Freizeitdomizil in den Bergen umzusehen.

In Andermatt, dem größten touristischen Immobilienprojekt der Schweiz, berichteten die Betreiber Anfang 2021, dass viele Eigentümer, aber auch internationale Gäste dort die Lockdown-Phasen mit maximalem Freizeitwert verleben würden. Denn im Gegensatz zu Frankreich und Österreich öffnete die Schweiz ihre Pisten im Winter, allerdings mit deutlich reduzierten Gästezahlen und entsprechenden Schutzkonzepten. Die Rechnung ging auf, der Nachbar wurde nicht zum neuen Ischgl, die Inzidenzkurve flachte in den Monaten Januar bis März 2021 sogar ab.

Kurze Wege ins Tessin

Mit dem im Dezember 2020 eröffneten Ceneri-Basistunnel rückt die Südschweiz nun deutlich näher. Gut zwei Stunden dauert es nur noch mit dem Zug von Zürich an den Luganer See oder Locarno am Lago Maggiore. Im Winter schnell auf den Pisten und im Sommer italienisches Lebensgefühl an den Seen – das Tessin ist das perfekte Ganzjahresziel.

Die Marktexperten berichten derzeit von einem regelrechten Boom, bei Deutsch- Schweizern sei vor allem Ascona sehr beliebt. Das Preisniveau ist dort zwar auch gestiegen, aber insgesamt liegt das Tessin noch unter den touristischen Hochkarätern im Kanton Graubünden. Eigentumswohnungen in mittleren Lagen starten bei rund 7.500 Schweizer Franken pro Quadratmeter, Seelagen liegen allerdings weit darüber, hier muss man bis zu 25.000 pro Quadratmeter rechnen. Häuser starten bei rund 1,5 Millionen Schweizer Franken, in Toplagen geht es bei 5 Millionen erst los, hier reicht das Spektrum bis zu 15 Millionen.

Steuerparadies Zug

Die Wirtschaftsmagnaten lieben diesen Kanton in der Zentralschweiz, der sich selbst mit dem Slogan „small world – big business“ bewirbt. Mit einem Steuersatz von maximal 23 Prozent auf Einkommen und 12 Prozent auf Unternehmensgewinne hat sich die Region zum Treffpunkt der Global Player gemausert. Über 30.000 Firmen sind dort registriert, die Einwohner kommen aus 130 verschiedenen Nationen. Vor seinem Umzug nach London war Boris Becker der berühmteste Deutsche in Zug. Mit der „Steuerflucht“ des Ex-Tennisprofis 2003 wurde der Kanton hierzulande erstmals der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Entsprechend der Klientel rangieren auch die Immobilienpreise eher im Hochpreissegment. Die Preise für Eigentumswohnungen variieren laut Marktexperten je nach Lage zwischen 9.000 und 35.000 Schweizer Franken pro Quadratmeter, Häuser kosten in sehr guten Lagen zwischen 10 und 25 Millionen Schweizer Franken.

Teuer wird noch teurer

Günstig war die Schweiz noch nie, aber nun scheint sich das Luxussegment noch mehr abzusetzen. Für 2020 stellt die UBS fest, dass sich die „Kluft zwischen den hochpreisigen und günstigeren Schweizer Destinationen weiter vergrößert.“ Spitzenreiter ist hier das Engadin mit St. Moritz; der Promi-Ort ist wie schon in den Vorjahren die teuerste touristische Destination im Alpenraum. Laut UBS Alpine Property Focus 2021 kostete dort eine Ferienwohnung gehobenen Standards im Schnitt 17.000 Schweizer Franken pro Quadratmeter und damit über 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Platz zwei belegt mit Gstaad ebenfalls eine Gemeinde im Kanton Graubünden.

Wer auf klangvolle Namen verzichten kann und auch weitere Wege in Kauf nimmt, kann allerdings nach Auskunft der lokalen Makler auch in Graubünden günstiger einsteigen. Einfache und mittlere Lagen beziffern die Marktexperten mit Quadratmeterpreisen von 5.000 bis 10.000 Schweizer Franken. Häuser in diesem Bereich liegen zwischen 500.000 und einer Million Schweizer Franken. Vor allem bei deutschen Käufern ist dieser Kanton sehr beliebt, ihr Anteil liegt nach Auskunft der Makler mittlerweile bei rund 30 Prozent. Dennoch sollte man gerade bei Ferienimmobilien die Lage nicht außer Acht lassen. Die strengen gesetzlichen Vorgaben (siehe auch Infokasten) limitieren das Schweizer Angebot an Ferienimmobilien. Das knappe Angebot trifft auf hohe Nachfrage und niedrige Zinsen, was die Preise in nächster Zukunft nicht sinken lassen wird.

Ulrike Eschenbecher

ist freie Journalistin und Autorin