Wohnen auf dem Wasser

Eine holländische Firma geht beim Thema Wasserarchitektur neue Wege. Waterstudio NL will mit dem nassen Element und nicht dagegen arbeiten
Die Verteilung war schon immer eindeutig. Auf der einen Seite das Wasser, auf der anderen das Land. Dazwischen als Trennlinie die Küste. Gebaut wird seit jeher (mit wenigen Ausnahmen) diesseits des nassen Elements. Geht es nach Koen Olthuis, wird sich das in Zukunft drastisch ändern.

Der niederländische Architekt, Jahrgang 1971, hat sich mit seiner Firma ­Waterstudio NL auf die Erstellung von ­Gebäuden auf oder teilweise sogar im Wasser spezialisiert. Begründen tut er diese ungewöhnliche Fokussierung mit der Tatsache, dass „bis zum Jahre 2050 wahrscheinlich 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten und deren unmittelbarer Umgebung leben werden. Und wiederum 90 Prozent dieser Städte liegen am Wasser.“ Um auf die Herausforderungen der Bevölkerungsentwicklung nachhaltig und vor allem flexibel zu reagieren, plädiert er für die Nutzung von Flächen, die bisher – jedenfalls was die Bebauung betraf – nahezu brachlagen: Seen, Flüsse und sogar Meere.
  • Für die Regierung der Malediven entwarf Waterstudio NL den Masterplan für eine Villenstadt in Blütenform Quelle: Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
    Visualisierung: Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
  • Bis März 2015 soll diese schwimmende Moschee für die Vereinigten Arabischen Emirate realisiert werden Quelle: Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
    Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
  • "The Citadel“ wird als Teil eines Großprojektes bei Hoek van Holland im zweiten Halbjahr 2014 gebaut Quelle: Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
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  • Sea Tree: Basis des Konzepts für künstliche Ökosysteme sind ausgediente Ölbohr-Plattformen Quelle: Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
    Waterstudio NL/Ken Oelhuis/Dutch Docklands
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Flexible Wohneinheiten auf schwimmenden Fundamenten

Die (im wahrsten Sinne des Wortes) Grundlage für Olthuis’ Arbeit ist ein Patent, das die Bebauung des Wassers überhaupt erst ermöglicht. Es handelt sich hierbei um schwimmende Fundamente aus Styropor und Beton mit einer Grundfläche von zehn mal zehn Metern, die sich zu größeren Plattformen mit einer Länge von bis zu 200 Metern zusammenfassen lassen. So bilden sie die Basis für größere, gleichzeitig aber auch sehr flexible Einheiten – ganze Siedlungen könnten so auf den Schwimmfundamenten entstehen.

Dass das möglich ist, hat Waterstudio NL im kleinen Rahmen schon bewiesen (siehe Beispiele unten). Doch Villen auf dem Wasser sind eigentlich nur eine Vorstufe der Pläne, die Olthuis zwar noch nicht alle realisiert, aber doch schon in der Schublade hat. Einer der spektakulärsten Entwürfe ist dabei „The Ocean Flower“.

Zusammen mit der Firma Dutch Docklands, an der Olthuis ebenfalls beteiligt ist, hat er im Auftrag der Regierung der Malediven einen ganzen Masterplan für die touristische Erschließung von Wohnräumen auf dem Wasser vorgelegt. So sollen unter anderem 185 „floating villas“ entstehen und gemeinsam den Umriss einer maledivischen Blume darstellen. Bis 2015, so die Pläne, soll das Projekt abgeschlossen sein – die in drei verschiedenen Varianten erhältlichen Villen mit Wohnflächen von 163 bis 493 Quadratmetern stehen sogar schon zum Verkauf.

Ganze Ökosysteme könnten auf dem Wasser entstehen

Nicht minder spektakulär sind die Entwürfe für eine schwimmende Moschee oder den „Sea Tree“. Letzterer ist ein kleines, künstlich geschaffenes Ökosystem, das – basierend auf der Technologie von Ölbohr-Plattformen – unter Wasser verankerte wird und gerade in dicht besiedelten Gebieten neuen Lebensraum ausschließlich für Tiere und Pflanzen bieten soll. Angeblich soll die Stadt New York an einer Umsetzung des Konzepts interessiert sein.

Nun ist es ein weiter Weg vom normalen Hausboot zur Ökoplattform im Fluss oder gar ganzen Städten auf dem Wasser. Doch sowohl technologisch als auch konzeptionell lotet Waterstudio NL immer weitere neue Möglichkeiten der Wasserarchitektur aus. Als Niederländer weiß Koen Olthuis, welchen enormen Aufwand es bedeutet, das Land dauerhaft gegen das nasse Element zu verteidigen. Daher steht für den Waterstudio-Chef auch unumstößlich fest: „Unsere nachhaltige Zukunft liegt jenseits der Ufer.“

Interview

Waterstudio NL/Ken Olthuis/Dutch Docklands 
„Die Städte von heute sind dumm“

Ken Olthuis, Architekt und Gründer von Waterstudio NL, gilt als Pionier der „schwimmenden Architektur“. Für den Holländer ist Wasser der ideale Bauplatz für Projekt aller Art
BELLEVUE: Herr Olthuis, warum liegt die Zukunft des Wohnens auf dem Wasser?
Koen Olthuis: Weil die Platzprobleme der großen Städte neue Lösungen verlangen. Das Wachstum auf das Wasser zu verlagern bringt eine Menge Vorteile mit sich.

Zum Beispiel …?

Die Flexibilität. Sie können Wohneinheiten auf dem Wasser beliebig anordnen, verschieben, umgestalten … Die Städte von heute sind dumm, weil sie statisch sind. Es gibt keine Möglichkeit, auf Verdänderungen einzugehen.

Aber Veränderungen sind ja nicht zwangsläufig gut …

Aber sie finden statt. Denken Sie nur daran, was auf dem Gebiet der Technik alles in den letzten 20 Jahren geschehen ist. Die Ansprüche und Bedürfnisse der Menschen ändern sich ständig, unsere Architektur ist aber auf Jahrzehnte hin festgelegt. Sie sollte sich aber anpassen können.

Also liegen die Städte der Zukunft komplett auf dem Wasser?

Nein, so extrem muss es gar nicht sein. Aber die Wasserflächen bieten eine ideale Möglichkeit, den oft begrenzten Raum an Land zu erweitern. So kann man nicht nur Wohnungen, sondern auch Parkhäuser, Kraftwerke, ja ganze Parks dorthin verlagern. Die Technik dafür ist heute schon vorhanden.

Aber sie wird in Europa eigentlich nur für Hausboote genutzt …

Was ich sehr schade finde. Es gibt unglaublich viel Interesse aus europäischen Ländern, aber kaum einer möchte das in größerem Maßstab umsetzen. Ich sehe die Gefahr, dass wir dadurch technologisch ins Abseits geraten.

Welche Länder sind denn weiter, und was wird dort konkret geplant?

Die Malediven. Dort muss man zwangsläufig auf das Wasser ausweichen, um neuen Platz zu schaffen. Und da das Land hauptsächlich vom Tourismus lebt, werden wir in den nächsten 18 bis 20 Monaten unter anderem mit dem Bau eines Golfplatzes beginnen – 18 Löcher auf dem Wasser.

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