Stadt der 1000 Hausboote

Das könnte die Hansestadt Hamburg einmal werden. Ob es gelingen wird? Zumindest ist das Angebot an schwimmenden Domizilen beträchtlich. Und das nicht nur in Hamburg
Sie wollten nah am Wasser leben. Also zogen Jörg Niderehe und Amelie Rost 2006 von Nürnberg nach Hamburg. Ihr Wunsch hat sich mehr als er­­füllt: Seit November 2009 bewohnt das Architektenpaar ein selbst entworfenes Hausboot mit 110 Quadratmetern Wohnfläche auf dem citynahen Eilbekkanal. Mit diesem „Traumfänger“, einer organisch gerundeten Holz-Stahl-Konstruktion auf einem Stahl­­ponton, hatten sie 2006 an einem von der Stadt Hamburg initiierten Design-Pitch für Hausboote teilgenommen. Und auf Anhieb einen von zehn Liegeplätzen „gewonnen“.

Ihr Leben auf dem Hausboot feiert das Paar seitdem als „permanenten Urlaub“: Aus der lichtdurchfluteten Küche schweift ihr Blick über das ruhige Wasser des Kanals. An warmen Tagen frühstücken sie auf der 80 Quadratmeter großen Holzterrasse und grüßen vorbeifahrende Ruderer. Eine andere Wohn- und Lebensform kommt für beide nicht mehr infrage: „Diese Nähe zum Wasser ist wie ein Sechser im Lotto. Für uns das Ulti­mum an Freiheit und Lebensqualität.“ Ei­ne Einstellung, mit der sie nicht allein dastehen. Führende Hausboot-Architekten bestätigen: Immer mehr Menschen sehnen sich nach dem erhabenen, besonderen Lebensgefühl, das Hausboote bie­­ten. Nicht umsonst dienen sie Liebesfilmen wie „Schlaflos in ­Seattle“ als romantische Kulisse.

Entsprechend gut ist die Auftragslage der Anbieter. Ihre Produkt­palette reicht von Luxus-„Anwesen“ auf Stahlbetonpontons über motorisierte Feriendomizile für die Binnenschifffahrt bis zu modernen Wohnyachten an Dauerliegeplätzen. Bei allen Unterschieden in der Konzeption: Fast jedes Modell bietet dank Fußbodenheizung, Niedrigenergie-Bauweise sowie moderner Haustechnik ein Höchstmaß an Wohnqualität. „Unsere Kunden wollen auf dem Wasser den gleichen Komfort wie an Land“, sagt Andreas Hoffmann von der Ber­­liner Firma Nautilus-Hausboote – stellvertretend für seine Zunft. Grund genug, etablierte wie neue Hausboot-Konzepte an den wichtigsten Standorten der Szene hier einmal vorzustellen.
  • Lichte Eleganz und maritimes Flair: Von jedem Raum genießt man den Blick aufs Wasser Quelle: Nautilus Hausboote
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  • Prachtvolles Wasseranwesen in Hamburger Hafen: Martin Försters „Floating Home” hat die Hausboot-Szene revolutioniert Quelle: Architekten Martin Förster
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  • Das Passivhaus von Peter Kromwijk in Maastricht Quelle: Aut-Ark B.V.
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  • Geplante Ferien-Domizile in der Travemünder Bucht von Wessels Yachts Quelle: Aut-Ark B.V.
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Beginnen muss man in dabei in Hamburg: Wer sich legal mit einem Hausboot in einer Großstadt niederlassen will, ist in der Hansestadt gut aufgehoben. Sie ist reich an Kanälen – und gilt dank eines Senatsbeschlusses von 2004, der die Zulassung von Hausbooten aus­drücklich billigt, bundesweit als Vorreiterin für ihre legale Ansiedlung. Denn die meisten der geschätzten 60 bis 80 Hausboote alten Stils in abseitigen Kanälen und Hafenbecken sind nur „geduldet“; Rechtssicherheit für die Bewohner gibt es also nicht. Doch die Visi­on der Stadt der 1.000 Hausboote ist nun einmal in der Welt. Allerdings muss man, um einen Liegeplatz von der Stadt zu pachten, ein Genehmigungsverfahren durchlaufen. Da Laien vor dem dafür geltenden Regelwerk meist kapitulieren, buchen sie dies gern als „Service-Leistung“ beim Architekten ihrer Wahl. Damit fah­­ren sie gut: Mit einem Partner, der sie durch den Dschungel der Vorschriften lotst, erhöhen sie die Chance auf einen Liegeplatz. Rund fünf Euro Pacht pro Quadratmeter Wasserfläche muss man dafür einkalkulieren.

Der Visionär der Hamburger Hausbootszene ist Martin Förster. Seine vor über zehn Jahren entwickelten Luxus-„Lieger“ – die „Floating Homes“ auf ihren 20 Zentimeter dicken, wartungsfreien Stahlbetonpontons – fanden das Wohlwollen der Stadtväter. Zwölf verschiedene Typen zwischen 120 und 500 Quadratmetern gibt es inzwischen. Der 900.000 Euro teure Prototyp (180 Quadratmeter) liegt seit 2006 imYachthafen am Baumwall; sieben andere Varianten stehen am Victoriakai in Hammerbrook kurz vor der Fertigstel­lung.

Ein Ortstermin am Baumwall dürfte vor allem Großstadtromantiker überzeugen: Wie Diamanten tanzen die Lichter der Stadt über dem Wasser, Schiffe und Ausflugsdampfer kreuzen das Blickfeld. Links das futuristische Glasdach der Elbphilharmonie, rechts die Landungsbrücken, zum Baumwall hin das altehrwürdige Sloman-Haus: Vor diesem Panorama führt Förster jährlich über hundert potentielle Käufer, darunter auch viele internationale Interes­senten, durch sein leicht schwankendes und knarzendes Domizil.

Auf Knopfdruck öffnet sich das Dach zur 25 Quadratmeter großen Terrasse: Jetzt erinnert das Boot an ein Raumschiff. An 24 Meter langen Stahlpfählen, Dalben genannt, ist das Haus befestigt. An ihnen gleitet es mit dem ständig wechselnden Wasserpegel sicher – aber nicht immer geräuschlos – auf und ab. Bei Ebbe blickt Förster gegen die Kaimauer, bei Flut kann er mit seiner Wohninsel bis zu acht Meter hoch aufsteigen und hat freie Sicht auf die Uferpromenade. „Immer eine andere Perspektive – das macht den Reiz aus“, so der Architekt. Alle Räume wirken „clean“, dank reichlich vorhandenem Stauraum hinter Schiebe- oder Drehsenktüren. Modernste Haustechnik garantiert Komfort: Alle Räume sind vernetzt, über ei­­nen zentraler Receiver kann man CDs, MP3-Musik oder Radio hören.

Ei-Home: Vorbild war das „Abenteuerfloß”, auf dem er als Kind die Welt erkunden wollte

Auch Jörg Niderehe und Amelie Rost laden Interessenten gern auf ihr Hausboot zur Besichtigung. Die Wohnräume samt abgeteiltem Arbeitsbereich befinden sich im Untergeschoss. Um hier Platz zu gewinnen, hat sich das Paar für einen Schiffskörper aus reinem Stahl entschieden. Der ist zwar wartungsintensiver als Stahlbeton, bietet aber dank dünnerer Wände mehr Fläche im Untergeschoss. Gleichzeitig gab ihr Standort die Höhe vor: Das Boot durfte wegen der niedrigsten Brücke in der Innenstadt eine Durchfahrtshöhe von zwei Metern nicht überschreiten – für den Fall, dass es zur Wartung in eine Werft geschleppt werden muss. Daher konzipierte Niderehe den Aufsatz (den Küchentrakt) so, dass er von einem Kran abhebbar ist. Die Kosten für das Objekt: rund 410.000 Euro.

Weiter nach Berlin: Seit seiner Kindheit träumt Andreas Hoffmann von einem „Abenteuerfloß“, um darauf die Welt zu erkunden. Heute baut er motorisierte „Designhausboote“, die auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse seiner Klientel ausgelegt sind. Sein bisher spektakulärstes Modell – und aktuell in der Bauphase – ist das „Ei-Home“: Zwei Etagen mit 80 bis 160 Quadratmetern Wohnfläche zuzüglich gleicher Terrassenfläche (80-m²-Variante ab 350.000 Euro) sowie ein freier Blick durch mannshohe Fensterfronten verbinden maritimes Lebensgefühl mit Wohngenuss. „Das Boot ist als Erstwohnsitz ebenso geeignet wie als Feriendomizil“, wirbt Hoffmann für seine Idee. Für Wärme sorgt u. a. eine Fußbodenheizung, zur Einrichtung gehören Küche, Wohn- und Esszimmer mit Kamin­ofen sowie Gästezimmer und WC im Erdgeschoss – und im Obergeschoss ein Schlafraum mit Wellnesswanne, ein weiteres Bad, eine Ankleide sowie ein Hauswirtschaftsraum. Über eine Lichtkuppel gelangt man aufs Dach. Für leichte Bedienbarkeit ist gesorgt: Ohne große Schulung kann man das Haus selbständig über den See schippern. Auch an die Bedürfnisse betuchter „Best-Ager“ hat Hoffmann gedacht: Sein schipperndes Eiland kann auch behindertengerecht und rollstuhltauglich gebaut werden.

Komfortabel, dazu aber auch sportlich kommt die „Nauti­lus“ daher: ein Wohn-Katamaran, der es mit einer binnenschifffahrtstauglichen Motoryacht aufnehmen könte. Hoffmann und seine Frau entwickelten ihn aus eigenem Antrieb: Für einen Aussteigertrip über Europas Wasserstraßen hatten sie kein ihren Vorstellungen ent­sprechendes Modell im Markt finden können. Ihr Prototyp nun misst 13,30 mal 5,25 Meter, bietet 42 Quadratmeter Wohnfläche sowie 44 Quadratmeter Terrassen und Gangborde. Die Raumhöhe von 2,20 Metern entspricht dem von zu Hause gewohnten Standard. Zu den Raffinessen der Ausstattung zählen ein drehbarer Kamin, eine Fußbodenheizung sowie (bei Elektromotor) die Steuerung der Haustechnik über Tablet oder Smartphone. „Man könnte die Yacht auch aus dem Liegestuhl an Deck über das iPhone steuern, aber das ist natürlich verboten“, sagt Hoffmann. Der Hybrid ist für knapp 200.000 Euro in der Basisversion erhältlich, die Aufrüstung durch ein „Fahrpaket“ mit 40-PS-Motor, Gasanlage oder Stromnetz schlägt mit ca. 31.000 Euro zu Buche. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die variierbare Größe der „Nautilus“: In engen Schleusen lassen sich Geländer und Gangborde mit einer patentierten Konstruktion per Handgriff oder auf Knopfdruck „wegfalten“ und nach dem Schleu­­sengang wieder ausfahren. Gleiches gilt für die Oberdeckkabine und die Oberdeckreling. Das Patentverfahren läuft.

In Bremen gibt es einen Yachtmakler, der sich auf Wohn­yach­ten als Ferienimmobilien spezialisiert hat: Jürgen Wessels. Er bietet Liegeplätze u. a. in Hamburg, Bremen oder Travemünde an – und dazu umfassende Servicepakete rund ums schwimmende Ferienhaus. Zum hauseigenen Facility-Management zählen Pflege und Wartung sowie die Vermietung an Dritte. Für den Liegeplatz berechnet Wessels ein monatliches Wohngeld von 250 Euro. „Wir verkaufen unseren Kunden die Häuser vorrangig als Renditeobjekte“, beschreibt Wessels sein Geschäftsmodell nüchtern. Das gilt auch für die acht Wohnyachten, die er derzeit am Priwall in der Trave­münder Bucht plant: Die meisten der 14 Meter langen Boote sind bereits verkauft, 2014 soll die Serie in Produktion gehen. „Wir bauen nur in größeren Stückzahlen, sonst geht die Rechnung nicht auf“, so der Kaufmann. In der Tat ist die 100-Quadratmeter-Yacht zum Grundpreis ab 119.000 Euro preiswert. Dank 2,40 Meter hoher Fens­ter bietet sie viel Licht und Ausblick. Und auch hier gibt es Upgrades in Form von Dachterrasse, Kaminofen, Fußbodenheizung, Photovoltaikanlage, Motorisierung und vieles mehr.

Ein Blick über die Grenze schließlich weist in die Zukunft: Im niederländischen Maastricht hat Pieter Kromwijks „AutarkHome“ neue Maßstäbe gesetzt. Sein Hausboot ist ein Passivhaus, genügt also Standards, die bisher nur für hocheffiziente Energiesparhäuser gelten: Es verfügt über Warmwasserkollektoren, eine Anlage zur Wär­merück­gewinnung, Photovoltaik, Solarpanele und eine autar­ke Abwasserreinigung mit integriertem Filtersystem – und ist somit völlig unabhängig von externer Versorgung. Wie bei Passivhäusern resul­tiert der niedrige Energiebedarf aus der ausgeklügelten Bauweise. Sie setzt auf intensive Wärmedämmung und einen Baukörper ohne nennenswerte Flächen. Idealerweise ist das Haus zweigeschossig, hat weder Erker und Vorbauten noch Dachschrägen und nutzt über süd­­­ausgerichtete Fenster die Wärme der Sonne. Vier Va­­rian­ten sind derzeit verfügbar: Das „Autark Smart“ etwa bietet auf 145 Quadratmetern eine große Wohnküche, drei Schlaf- und zwei Badezimmer sowie zwei Terrassen. Die Einrichtung stammt von Ikea, was den günstigen Preis erklärt: Er liegt bei 220.000 Euro.
Ob dieses Modell den Richtlinien des Hamburger Genehmigungs­leitfadens genügt? Es würde zumindest die hohen Erschließungskosten für Hausboote drastisch reduzieren. Und könnte die Vision einer Stadt der 1.000 Hausboote in greifbare Nähe rücken.
NAUTILUS HAUSBOOTE in Berlin
Andreas Hoffmann, Tel. (030) 24 35 55 87, nautilus-hausboote.de

ARCHITEKTEN MARTIN FÖRSTER (AMF) in Hamburg
Martin Förster, Tel. (040) 413 30 80-0, architekten-mf.de

WESSELS YACHTS in Bremen

Jürgen Wessels, Tel. (0171) 449 78 70, wessels-yachts.de

AUT-ARK B.V. in Maastricht/NL
Peter Kromwijk, Tel. +31 (0)43 458 91 23, autarkhome.nl

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