Öhe – eine deutsche Insel in Privatbesitz

Kaum zu glauben, das es das gibt: eine deutsche Insel in privatem Besitz! Sie liegt vor Rügen – und hat eine Geschichte, die so faszinierend ist, wie ihre Bewohner sympathisch sind. Willkommen auf Öhe!
Öhe? Eine Insel – in Deutschland? Auch die beflissensten Hei­matkundler werden wohl zugeben: nie gehört. Es sei denn, man ist mal von Schaprode auf Rügen mit der Fähre losgefahren, hinüber nach Hiddensee. Dann nämlich blickt man bei der Ausfahrt geradewegs auf das Inselchen – das sich freilich als solches kaum zu erkennen gibt. Gehört zu Rügen, wird man denken, bis man die Karten studiert: Tatsächlich, sie ist kreisrund, mit einer kleinen Nase im Süden, und rundum von der Ostsee umspült. Sogar einen „Berg“ gibt’s in der Mitte: den Fuchsberg, stolze drei Meter dreißig hoch. Und ein einziges, vom Wind zerzaustes Gehöft: den Hof der Schillings, der Familie, der die Insel Öhe seit über 700 Jah­ren gehört. Die Robinsons von Rügen.

Hornvieh aus dem Limousin

Anders als der echte Robinson, der nur seinen „Freitag“ als Ge­fähr­ten hatte, sind diese Einsiedler zu dritt – pardon, bald zu viert: Mathias Schilling, seine Frau Nicolle, Oskar-Theobald, der zweijährige Sohn – und das froh erwartete Geschwisterchen, denn Nicolle Schilling ist schwanger. Einen Hund haben sie, wie weiland Robinson, natürlich auch – und 70 Schafe sowie 140 Rinder.

Vor allem Letzteren gilt Mathi­as Schillings ganze Zuwendung. Limousin und Blonde d’Aquitaine heißen die Rassen, denen das rote und cremefarbene Horn­­­vieh entstammt. Aus Frankreich eingewandert also, um hier auf 75 Hek­­­­­tar Salzweideland ihr kostbares Fleisch zu nähren, das eine Redakteurin des „Feinschmeckers“ als „zart, feinfaserig, saftig und cholesterinarm“ beschrieb, als sie es kos­­­tete. „Salzwiesen“, er­­klärt Schilling dazu, „haben einen besonders ho­hen Natriumgehalt, außerdem wach­­­­­sen hier viele Kräuter. Das schmeckt den Tie­ren, und das schmeckt man im Fleisch heraus.“
  • Kaum zu glauben, dass es das gibt: eine deutsche Insel in privatem Besitz! Quelle: Arnt Haug/Bellevue
    Die Robinsons von Rügen
  • Eigentlich gehört ihnen die Insel. Rund 140 prächtige Rinder grasen auf den Salzwiesen Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Die Inselbesitzer: Mathias & Nicole Schilling. Öhe befindet sich schon seit über 700 Jahren im Familienbesitz Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Einfach Leben: Trecker und Boot funktionieren, und dem Hund fehlt an nichts Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Und Dinge wie z.B. alte Strandkörbe sind auch schön, wenn man sie so lässt, wie sie sind Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Mathias Schilling tuckert zum „Festland”. Für Touristen ist und bleibt seine Insel tabu Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Das alte Gutshaus ist wieder in Schuss Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Auch dem Fleisch vom Schilling's Hof schmeckt man es an: Nur was in Ruhe reift, wird wirklich gut Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Schillings Gasthof am Hafenweg in Schaprode ist täglich ab 17 Uhr, der Hofladen von 8 bis 18 Uhr geöffnet Quelle: Arnt Haug/Bellevue
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  • Oben ohne: Der Wind, auch den Bäumen sieht man es an, kann kräftig blasen auf Öhe Quelle: Arnt Haug/Bellevue
    Die Robinsons von Rügen
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Die Geschichte reicht bis ins Jahr 1312

Doch bevor wir uns zu Tisch setzen, hören wir zuerst einmal die Geschichte der Inselbesitzer: Sie reicht bis 1312 zurück. Ein Adelsgeschlecht von der Öhe taucht da erstmals in den Urkunden auf. Im „Stammbuch des blühenden und abgestorbenen Adels in Deutschland“ ist es immerhin bis ins 19. Jahrhundert belegt – der Zeit, in der ein Schilling einheiratete und das Inselerbe übernahm. Von zwei wehrhaften Großtanten, Lorette und Ida, wird da berichtet: Sie sollen die Insel zur Not auch mit Waffen ge­­gen unliebsame Besucher verteidigt haben. Um 1870 war das; die resoluten Junggesellinnen lebten damals allein auf der Insel.

Mathias Schilling weiß davon natürlich nur aus den Chroniken – auch weil er gar nicht hier, sondern in Schleswig-Holstein geboren wurde: 1965, zu DDR-Zei­ten, war sein Vater dorthin geflohen, mit dem Faltboot über Hiddensee und Dänemark in den Westen. Dort fand er Arbeit in seinem erlernten Beruf als Arzt; die Eltern aber blieben auf Öhe zurück.

Einsiedlertum zu DDR-Zeiten

Dem glücklichen Umstand, dass in der DDR erst ab einer Größe von 100 Hektar Privatbesitz in Staatseigentum überging, ver­danken es die Schillings, dass Öhe ihre Insel bleibt. Mathias Schillings Großeltern harren also aus, pflegen ihr Einsiedlertum und die Tierzucht: Sie holen die seltene Rasse der Rauwollingen Pommerschen Landschafe auf die Insel. Und die lernt der junge Mathias, der in den Ferien oft bei den Großeltern zu Besuch ist, kennen – und mit ihnen die Landwirtschaft lieben. An die Hotellehre, die er bereits abgeschlossen hat, hängt er ein Landwirtschaftsstudium an, verbringt einige Jahre in Berlin – und entschließt sich dann, anno 2006, mit seiner jungen Frau auf die Insel zu ziehen. Und sie aus dem Dornrös­chenschlaf zu wecken, in den sie mittlerweile gefallen ist.

Öhe bleibt für Touristen tabu

Dafür gibt es viel zu tun. Das historische Gutshaus wird wieder in Schuss gebracht; es dient heute als Gästehaus, wenn Freunde oder die Eltern die Robinsons besuchen. Ein zweites Haus kommt dazu, als Wohnhaus der jungen Familie. Und liebevoll gepflegt wird der Familienfriedhof am Schilf. Dort ruht die Großmutter, unter einem Grabstein mit der Aufschrift „Ich bin doch kein Ausflugslokal“. Loretta und Ida lassen grüßen. Ihrem Geist bleibt aber auch Mathias Schilling treu: Auch unter ihm ist und bleibt Öhe für Touristen tabu.

Zum Wohl der Tiere, denen die Insel gehört. Dreißig Monate, im Schnitt, dürfen sie grasen und zu Prachtkerlen heranwachsen, in aller Ruhe, damit das Fleisch die erwähnte Qualität erreicht: zart, feinfaserig, saftig. Pro Jahr 35 Tiere lässt Schil­ling schlachten, bei Marcus Bauermanns „Rü­­­­­gen­fleisch“ drü­­­ben auf der Haupt­­insel. Mit seiner Treidelfähre bringt er die Tiere persönlich hinüber. Der Weg ist nicht weit und wird mit Geduld beschritten: je weniger Stress, desto besser das Fleisch.

Lagenkarte von Öhe

Rügen/Öhe Landkarte

Öhe

liegt gegenüber von Schaprode (Fähre nach Vitte/Hiddense) im Nordwesten Rügens, 25 km von Bergen und 45 km von Stralsund entfernt.
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Burger in „Schillings Gasthof"

Wie gut es ist – und damit endlich zu Tisch –, davon kann man sich seit zwei Jahren in „Schillings Gasthof“ überzeugen. Mit Blick auf Öhe sogar: Das leuchtend rot gestrichene Haus steht auf dem „Festland“, direkt am Schaproder Hafen. Ein kleiner Hofladen gehört dazu – und im Gasthof selbst steht seit November David Emmerich am Herd, der zuvor im 5-Sterne-Hotel Ceres und dem Restaurant Nixe in Binz die Gaumen verwöhnte. Ein gelernter Feinkostmetzger, der weiß, wie man auch das letzte Stück der Öheschen Rinder verarbeiten kann. Zu traumhaft zartem Burger, Braten oder Steak. Womit nur noch eines zu sagen bleibt: Bon appétit!

Öffnungszeiten & Kontakt

Schilling Gashof am Hafenweg in Schaprode ist täglich ab 17 Uhr, der Hofladen von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos über www.schillings-gasthof.de