Norwegen: Fjordstadt Oslo

Mit der Wiederentdeckung ihrer Lage am Wasser, architektonischen Landmarken und nachhaltiger Stadtentwicklung erfindet Norwegens Metropole sich derzeit neu
Die klassische Anreise ist immer noch die schönste: Wer Oslo mit dem Schiff ansteuert, erlebt Norwegens Hauptstadt in all ihren Facetten. Besonders in der letzten Stunde vor dem Anlegen wird die Fahrt über den Oslo­fjord zu einem Schnellkurs durch die faszinierenden Kon­­­traste, die das nordische Königreich prägen. Lange begleiten Wälder und Felsküste die Passage, durchzogen von bunten Farbtupfern – den Wochenend- und Ferienhäusern der Hauptstädter. Und während Schären und Holme zunehmen, taucht ­Oslos Silhouette vor dem Schiffsbug auf.
  • Von der Festung Akershus schaut man über den Osloer Hafen und auf die angrenzenden Grünflächen Quelle: /Moment
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  • Vorzeigeprojekt: Weltweit für Aufsehen sorgte das 2008 eröffnete Opernhaus in Bjørvika Quelle: Visit Oslo/Rafał Konieczny
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  • Das Designhotel The Thief ist ein anderes architektonisches Projekt, was Oslo heute prägt Quelle: The Thief
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  • Bisher noch eine Vision, aber im Jahr 2018 soll das neue Munch-Museum hier stehen Quelle: Herreros Arquitectos
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  • Der Blick vom Dach der Oper über die Skyline von Oslo Quelle: getty images
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Reisende, die zum ersten Mal an Bord sind, staunen. Doch wer Oslo kennt, aber einige Jahre nicht mehr hier war, staunt noch mehr. Zwar fällt nach wie vor der markante Back­­steinbau des 1950 eröffneten Rat­hau­ses mit seinen beiden über 60 Meter hohen Türmen in den Blick: Dort  findet jedes Jahr im ­De­­zem­ber die Verleihung des Friedensnobelpreises statt. Auch die historischen (Kirch-)Türme aus dem 19. Jahrhundert – Norwegen feiert zurzeit 200 Jahre Verfassung und Unabhängigkeit – scheinen noch über der Innenstadt auf. Viel auffälliger aber ist Oslos moderne Seite: ein strahlend weißer Kubus zur Rechten – die neue Oper. Und im Vordergrund des Rathauses das angesagte neue Stadtviertel Aker Brygge.
Mit diesem Lifestyle-Quartier begann vor rund zwei Jahrzehnten Oslos Wandel von der verschlafenen Provinzhaupt­stadt am Rand Europas zum Hot­­­spot der internationalen Architektur. Mitte der 1980er-Jahre teilte Oslo das Schicksal anderer Ha­fen­­städte wie Ham­burg, London oder Liverpool: Wo alte Schwerindustrien starben, wurde in City­nähe Raum für neue Ideen, Kreativität und Stadtentwicklung frei. So präsentiert sich das einstige Areal der „Aker Mechanische Werkstatt“ heute als Kombination aus Wohnen und Arbeiten in alten Werftgebäuden und moderner, von Stahl, Glas und Beton geprägter Architektur – die typische Mischung aus Rohheit und Komfort, die Kreative und Dienstleister anzieht. Rund 900 Osloer wohnen heute in (die Norweger sagen „auf“) Aker Brygge, etwa 6.000 arbeiten hier. Und an lauen Sommerabenden versprüht das Viertel mit seinen 2.500 Restaurantplätzen ­einen fast mediterranen Charme.

Die wiederentdeckte Hafenseite

Verglichen mit Oslos Entwicklung seit der Jahrtausendwende verlief der Wandel von Aker Brygge jedoch gemächlich. Unter dem Motto „Fjordstadt Oslo“ erfindet sich die 625.000-Einwohner-Metropole neu und hat das größte ­Erweiterungsprojekt ihrer Geschichte eingeläutet. Rund um die Altstadt entstehen auf frei gewordenen Hafenflächen Hun­dert­tau­sen­de Quadratmeter Wohn-, Gewer­be- und vor allem Kulturflächen. Als erster Neubau eröffnete im April 2008 das neue Opernhaus im Stadtteil Bjørvika. Der spektakuläre Entwurf des Architektur­büros Snøhetta gilt als größtes Kulturprojekt der Nachkriegszeit – und als gelungenes Beispiel für Norwegens gewach­senes Selbstbewusstsein, das sich in der umgerechnet 520 Millionen Euro teuren Spielstätte überraschend demo­kratisch manifestiert: Nicht nur zieht das Programm mit Klassik und Ballett, Jazz und Pop alle Bevölkerungsschichten an. Auch die frei zugänglichen Dachterrassen haben sich zum Treffpunkt von bürger­lichen Flaneuren ebenso wie von coo­len Skatern entwickelt, die alle die Nähe zum Fjord und dem Blau des Himmels suchen.

Die neue Oper ist Teil der großen „Kulturachse“, die Oslos wiederentdeckte Hafen­seite prägen soll – und bereits wesentlich prägt. Jüngstes Beispiel ist das 2012 er­­öffnete Astrup-Fearnley-Museum von Renzo Piano: ein Bau wie ein Segel an der Spitze von Aker Brygge, auf der Landzunge des neuen Quartiers Tjuvholmen. Wie die Oper fas­­ziniert es durch ein so zurückgenommenes wie spektakuläres Äu­­­ße­­­res. Das 90 Millionen Euro teure Privatmuseum bietet Platz für die wichtigste Sammlung des Landes, mit Werken von Jeff Koons, Damien Hirst und Ólafur Elíasson. Das Geld für „sein“ Museum verdiente Hans Rasmus Astrup als Reeder im Welthandel.
Fjordstadt Oslo

Grün und blau als Zukunftsfarben

Bis 2030 wird Oslo um 30 Prozent wachsen. In den dafür nötigen Neubauprojekten soll sich die Nähe zum Meer und Wald spiegeln
Von der Globalisierung profitierte ähnlich auch ganz Norwegen: Dank großer Öl- und Gasvorkommen vor der Küste erlebt das Königreich seit den 1970ern einen steten Aufschwung. Die Immobilienwerte stie­gen und steigen: Mit Quadratmeterpreisen von 5.200 Euro im Durchschnitt (und bis zu 15.000 in der Spitze) zählte Oslo auch 2013 wieder zu den teuersten Städten der Welt. Dass es mit dem Maaemo – zwei Michelin-Sterne – derzeit auch das beste Restaurant Skan­di­naviens hat, passt dazu.

Die bekannte skandinavische Diskussionskultur bleibt bei all dem dennoch nicht auf der Strecke. Die neuen Vorzeigeprojekte sind Ergebnisse von Wettbewerben, und sie werden lieber länger als vorschnell geplant – wie das neue Munch-Museum, um das man vier Jahre rang. Unweit der Oper soll das neue Heim für die Werke von Norwegens berühmtem Maler nun bis 2018 nach Entwürfen des Spaniers Juan Herrero entstehen. Baukosten: 225 Millionen Euro.

Dass Oslo schon jetzt als „bester Ort der Welt für junge Architekten“ gilt (­Architizer.com), belegen viele weitere Highlights. Das Hotel The Thief etwa, Oslos erstes Hotel mit Wasserzugang (ebenfalls auf Tjuvholmen), der soeben eröffnete neue Haupt­­sitz der Unternehmensberatung Deloitte in Bjør­­vika oder das neue Verlagshaus von Egmont. Weitere Hingucker sind bereits unterwegs: Ein neues Nationalmuseum (bis 2019) nach Plänen von Kleihues Schuwerk oder die Deichmanske Bibliotek (Baubeginn 2014) aus dem Atelier Oslo ergänzen in wenigen Jahren die Kulturachse.