Baustile Nord- und Ostsee: Typisch Küste

Tradition ist Trumpf: Wer im Norden wohnt, hat es gern authentisch. Doch was ist eigentlich "typisch nordisch"?
Backstein, Klinker, Fachwerk, Reet. Auf die Frage nach nord­deut­­­schen Baustilen hat man diese Begriffe rasch parat. Denn eher als besondere ­Hausformen sind es die Ma­teral­i­­en, die das Bild der ­Architektur längs der Küsten seit Jahrhunderten prägen. Aus simplem Grund: Die Rohstoffe dafür – der Lehm für den Backstein, der Ton für den Klinker, das Schilf für das Reetdach und das Holz für die ­Gefache des Giebels – finden sich vor Ort. So weit, so pragmatisch. Doch darüber hi­naus auch so be­wun­dernswert, was die Handwerker daraus zu machen gelernt haben, so dass Bau-Kunst daraus wurde. Den Backstein etwa adel­ten sie schon im Mittelalter zum Rohstoff der „Backsteingotik“, ­de­ren berühmte Do­me, von Lübeck bis Stralsund, bis heute einzigartig sind.
  • Nordfriesland pur: Das Reetdach, der Brandgiebel, die Feldsteinumfriedung - und der Blick hinaus aufs Meer Quelle: Fotolia
    Nord- und Ostseeküste
  • Typisch für das "Alte Land" sind die Fachwerkgiebel- und fassaden Quelle: Fotolia/R.Gosch
    Nord-Ostseeküste
  • An der Küste und auf den Inseln stehen viele Höfe erhöht auf einer Warft Quelle: Fotolia/c_images
    Nord-Ostseeküste
  • Blau weiße Fliesen, verzierte Stühle und viel Holz: ein typisches Haus auf Sylt Quelle: A. Haug/ Bellevue
  • Walknochen als Hoftor zeigte, dass hier ein Walfänger lebte. Heute sind die Tore kaum noch zu finden Quelle: Schlesw.-Holst. Freilichtmuseum
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  • In der Bäderarchitektur, wie hier auf Rügen, ist weiß die dominierende Farbe Quelle: A. Haug/ Bellevue
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  • Wenn ein Fischerhaus weiß getüncht war, wohnte dort ein Kapitän Quelle: Fotolia/B.Mundt-Osterwieck
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  • Auch in Sellin zeigt sich die Bäderarchitektur - in weiß Quelle: J.Bohmann/Bellevue
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  • Außerdem typisch für die Bäderarchitektur: die Seebrücken wie hier in Ahlbeck auf Usedom Quelle: A.Haug/Bellevue
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Wenig ist an der Nordsee so beliebt wie das Reetdach. Für Ferienhäuser ist es gar zum Statussymbol geworden: In Kampen auf Sylt zum Beispiel ist es vorgeschrie­ben – zum Preis hoher Ver­sicherungskosten und des Ver­bots von Feuerwerk zu Silvester. Denn wie real die Feuergefahr ist, zeigt schließlich schon der Blick auf das „Geest­harden­hus“, den Urtyp des Reet­­­hofs in der Marsch oder auf der Geest: An der Längs­­seite hat es einen hohen Brandgiebel, aus dem Bewohner im Ernstfall flüchten konnten, weil sie dort am besten vor brennend herabfallendem Reet ge­schützt waren. Das ist auch beim „Uth­land­f­riesen­hus“ der Inseln und Hal­li­gen so – und erst recht beim „Haubarg“ von der Halbinsel Eiderstedt: Er diente einst, daher der Name, dem Bergen von Heu bis unter den First, weshalb er sehr hoch gebaut – aber auch besonders feuergefährdet war. Wohl auch des­­­halb gibt es diesen Haustyp heute kaum noch: Der „Rote Haubarg“ bei Witzwort, der heute ein Restau­rant beherbergt, ist einer der letzten.

Welche Wunderwerke man aus Eichenfachwerk machen kann, bestaunt man eher im Nordseegebiet: bei den Obstbauern im Alten Land, im Oldenburgischen, bei den Dithmarscher Bauern. Und aus Reet, im Osten „Rohr“ genannt, ist das Dach vieler Häuser auf den Inseln. Früher vor allem bei Katen oder Fischerhäusern: Da es billiger war als Ziegel, deckte Reet nicht wie heute schicke Ferienvillen, sondern die Häu­ser kleiner Leute. Stichwort Ferien: Ei­nen eigenen Stil brachte zuletzt auch der Tourismus hervor – die Bäderarchitektur der Ostseeinseln.
Zum Schutz vor einem anderen Element, dem Wasser, stehen norddeutsche Höfe oft auf einer Warft. Auch längs der niedersächsischen Küs­te, von der Weser­­marsch bis Ost­friesland, sieht man dies. Anders als in Nordfriesland sind die Dächer hier oft ziegelgedeckt. Und als Hausform gibt es das T-förmige „Krüsselwarck“ (Kreuz­werk), bei dem Wohn-, Mittel- und Viehhaus vonein­ander getrennt sind – häufiger aber das Wohnstallhaus oder Hallenhaus: ein „Einhaus“, meist in Ständerbau­weise, bei dem Wohnung, Stall und Ern­­telager in einem Hauskörper zusam­men­ge­fasst sind. Man lebte also fast mit dem Vieh zusammen. Prachtvolle Stuben wie die „Pesel“ reicher Nordfriesenhöfe wa­­ren eher die Ausnahme – den meisten Platz beanspruchten das Vieh, das Heu, das Korn. So ist es auch beim „Gulf­haus“, das es auch am Niederrhein und bis hinauf nach Pommern gibt – und das in vielen Dörfern noch bis heute erhalten ist. Freilich meist zweckentfremdet: In Loquard bei Aurich dient ein Gulfhof als Schu­le, in Hollen bei Leer als Spar­kas­se. Und in Wieg­bolds­bur, immerhin, als Lehrhof, betrieben vom Natur­schutz­­­­bund NABU.

Stichwort Landwirtschaft: Wie sie „damals“ funktionierte, davon wissen auch die Be­woh­ner historischer Häuser heute oft we­­nig. Oder hätten Sie gewusst, dass das „Eulenloch“ im Gie­bel – siehe Bild S. 47 – als Rauchabzug ebenso wichtig war wie als Einflug für den Mäusefänger? Und was es mit den Pferdeköpfen darüber auf sich hat? Das Niedersachsenross, stimmt. Aber auch eine dunkle Erinnerung an den Brauch, echte Pferdeköpfe auf Stangen aufzustellen. Zur Abwehr von Gefahren wie der Pest, die es heute zum Glück nicht mehr gibt.