Italien: Blaue Wunder

Gardasee, Comer See, Lago Maggiore & Co.: An den Seen Oberitaliens ist die Immobiliennachfrage zurzeit gering – und das Angebot groß
Blick von Varenna auf den Comer See
Von Varenna am Ostufer blickt man bis zu den Schweizer Alpengipfeln Quelle: B. Kolb

Postkarten-Idylle

Ein Sonntag im Mai in Bellagio: Von Va­­renna aus tuckert das Ausflugsboot hinüber zu der Perle des Comer Sees. Das postkartenschöne Dorf an der Spitze der Halbinsel, die den unteren Teil des Sees in zwei dramatisch in die Berge geschnittene Arme teilt, ist auch schon in der Vorsaison das Ausflugsziel am „Lario“, wie die Einheimischen ihren See nennen. Schweizer, Briten und Japaner, man sieht und hört es, bilden starke Frak­tionen unter den Besuchern. Und Amerikaner! Kein Wunder, dass sie in Las Vegas ein Hotel namens Bellagio gebaut haben, das größer ist als dieses ganze Dorf. Und das inmitten der hitzeflirrenden Wüste Ne­­vadas ein Bild von Italien beschwört, wie es kitschiger kaum sein könnte.
Aber das wahre Bellagio macht es einem auch nicht leicht. Am kleinen Hafen, an dem gerade eine Flotte schmucker Old­ti­mer-Karossen in Aufstellung gebracht wird, reihen sich Nobelboutiquen unter den Arkaden aneinander. In den Gassen dahinter klettert man hinauf zum Kirchplatz, um vielleicht noch ein Plätzchen in den lauschigen Restaurants zu ergattern, die ihn säumen. Oder man folgt dem Strom der Menschen an den west­­lichen Ortsrand, um der Villa Melzi die Ehre zu erweisen: Im an den Hang drapierten Park rund um das himmelblaue Schlösschen, das an den Wohl­stand einer jener Mailänder Patrizier­fami­lien erinnert, denen einst halb Oberitalien gehörte, lässt es sich trefflich rasten. Blitzblank ist der Himmel, betörend der Duft der Zitronen­bäumchen. Und beim Blick auf die noch schneebedeckten Alpengipfel über dem glitzernden See kann man nur seufzen: Ach, hier möchte man leben …

Karte italienische Seen

Auf die Mirkolage kommt es an

Statistische Immobilienwerte sind für die Seen nur annähernd zu ermitteln. Seeblick und im Bestfall Uferlage vervielfachen den Preis

Die Ufer des Gardasees sind sehr unterschiedlich: Der Westen hat Steilufer, Süd- und Südostseite sind dagegen flach. Ein Vorteil des Ostufers: Dort scheint die Abendsonne. Apartments kosten ja nach Lage ab ca. 2.000, in Spitzenlagen bis 10.000 Euro/m2. Häuser mit Seeblick beginnen bei ca. 300.000 Euro; nach oben sind die Grenzen offen.
Am Comer See wird weniger gebaut als am Gardasee, und das Angebot ist individuell geprägt: Villen und Einfamilienhäuser (mit Seeblick ab ca. 350.000 Euro) dominieren. Neue Apartments sind ab 2.500 Euro/m2 erhältlich, in Toplagen für bis zu 12.000 Euro/m2.
Am italienischen Ufer des Luganer Sees stehen zurzeit viele Immobilien zum Verkauf. Häuser mit Seeblick findet man schon ab 250.000 Euro. Am Lago Maggiore gilt das West­ufer als die Toplage (Stresa, Verbania, Ghiffa), aber auch die Ostseite hat sichherausgeputzt (z. B. Luino und Laveno Mombello). Top-Objekte kosten hier ab 10.000 Euro/m2 aufwärts.

Geringe Nachfrage

Möchte „man“ wirklich? Bei Gesprächen mit Maklern, zurück also in der Realität, erfahren wir: Mit der tatsächlichen Umsetzung solcher Wünsche tut sich die einschlä­gige Klientel derzeit schwer. Das Geschäft sei zäh, hört man allerorten – nicht nur am Comer See. Auch am Lago Maggiore und dem Luganer See und noch deutlicher am Gardasee ist die Nachfrage nach Immobi­lien nun schon seit Jahren gering. Euro­-Schwäche und Griechenlandkrise sind die be­kannten Gründe dafür auf internationaler Ebene – Unsicherheit in Steuerfragen, steigende Arbeitslosigkeit und der Vertrauens­verlust, den der Skandal-Staatschef Berlusconi seinen Nachfolgern als Erbe hinterließ, kommen hausgemacht hinzu. „Kaum jemand“, klagt ein Makler am Gardasee, „will sich zurzeit einen Zweitwohnsitz zulegen. Viele ältere Italiener versuchen vielmehr, ihre Ferienwohnungen zu verkaufen, um ihren arbeitslos gewordenen Kindern unter die Arme greifen zu können.“ Mit dem Ergebnis: „Die Zahl der zum Verkauf stehenden Zweitwohnsitze in Norditalien ist so groß wie nie zuvor.“

Noch zögerlich

Was natürlich auch heißt: Die Preise sind gefallen. Um wie viel? Das will kein An­bieter genauer beziffern – begründet damit, dass an den Seen die Mikrolage (Blick, Zuwegung, Infrastruktur) und der Liebhaberwert des jeweiligen Objekts meist die ausschlaggebende Rolle spielten; statistische Mittelwerte hätten deshalb keine Aussagekraft. Dass es nicht wenige Immobilien gibt, die bis zur Hälfte an Wert verloren haben, wird aber nirgends bestritten.
Eine günstige Gelegenheit also, jetzt erst recht? „Die Leute sehen durchaus, dass viel im An­gebot ist, und viele beobachten den Markt intensiv“, sagt eine Mak­lerin aus München über ihre Kundschaft am Garda­see. „Aber man will sich nichts ans Bein binden, das ein Risiko darstellt, dafür sind die Zeiten zu unsicher. Deshalb sind jetzt Immobilien gefragt, die praktisch sind, ohne große Grundstücke. Am besten Objekte, die sich auch ver­mieten lassen.“ Zumindest für den Gardasee dürfte das eine sinnvolle Stra­tegie sein: Knapp eine Dreiviertelmillion deutsche Urlauber zieht es trotz Krise auch weiterhin pro Jahr an die Ufer von Riva bis Sirmione – zum Segeln, Wandern, Mountainbiken oder einfach nur Flanieren. Und da man von München aus in maximal vier Stunden da ist, gilt „der Garda“ auch weiterhin als Bayerns südlichs­tes Gewässer.

Große Diskretion

So wie Lago di Como, Lago Maggiore und Lago di Lugano es für die Schweiz sind: Letztere beiden liegen schließlich mit je einem Abschnitt auf eidgenössischem Territorium, der Luganer See sogar zu mehr als der Hälfte. Und die vielen Schweizer ­Autokennzeichen, die an jenem Frühlings­sonn­tag in Bel­lagio zu sehen waren, be­stätigen zumindest: Der Ausflugs­verkehr, aktuell vom starken Schweiz­­er Franken noch zusätzlich beflügelt, ist überaus rege.
Dass sie auch als Käufer aktiv sind, ist anzunehmen – doch schwer herauszufinden: An den drei westlichen Seen herrscht große Diskretion. Vor allem am Lago Mag­giore erlebt man das schon, wenn man ihn wandernd erkundet: An vielen Stellen sind die Ufer nicht zugänglich, weil sie Privatgrund herrschaftlicher Domizile sind. Der Nobelort Stresa sei als Beispiel genannt. Hier stehen angeblich die teuersten, mit Bootssteg und Privatstrand ausgestatteten Residenzen. Doch verschwie­gen, wie man in der alten Sommerfrische der Mailänder Kardinalsfamilie Borromeo schon immer war, hört und sieht man dazu nichts.
Was übrigens, um auch diese Frage zu beantworten, genauso für den berühmtesten Anwohner der Seen gilt: George Clooney, der in Laglio am Westufer des Comer Sees vor 13 Jahren die Villa Oleandra erwarb, für angeblich acht Millionen Dollar, werden Sie wohl kaum zu Gesicht bekommen. Zumal, wie nun urplötzlich bekannt wurde, das Gerücht geht, Clooney wolle verkaufen – für 100 Millionen! Ob wahr oder nicht, steht zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht fest. Fakt ist aber: Der Bürgermeister von Laglio hat sich im Interview bereits geäußert – und zeigt sich „in großer Sorge“. Dass es zugleich, wäre es tatsächlich wahr, der größte Immobilien­deal in der gesamten Geschichte der Seen  wäre, steht auf einem anderen Blatt.
BELLEVUE Ausgabe 05/2015

Heftbestellung

Dieser Artikel stammt aus dem BELLEVUE-Heft 03/2015.

Die komplette Ausgabe können Sie hier online bestellen.
Haus

Finden Sie jetzt Premium-Immobilien in