Ganz großes Kino

Viele norddeutsche Städte, Dörfer und Gemeinden dienen als Kulisse erfolgreicher Filme und Fernsehserien. Autor Alexander Schuller wollte wissen, ob sich die Popularität auch in den Immobilienpreisen niederschlägt
Auf dem Toronto-Filmfestival in Kanada geriet der ungarische Filmregisseur Benedek Fliegauf während der Pressekonferenz zu seinem futuristischen Liebesdrama „Womb“ ins Schwärmen, als er zur ungewöhnlichen deutschen Location befragt wurde: „Oh ja, St. Peter-Ording hat mich sofort gefangen genommen. Es ist eine unglaublich weitläufige und flache Küste, die der Gegend eine gewisse Zeitlosigkeit verleiht. Das habe ich daran wirklich geliebt …“

Norddeutsches Licht

Solche Sätze hört Rainer Balsmeier, Bürger­meister und Tourismusdirektor des schleswig-holsteinischen Badeortes in Personalunion, immer wieder gern. Schließlich hat sich das nordfriesische Nordseeheil- und Schwefelbad mit seiner „Film­düne“ inzwischen zu so was wie dem sprichwörtlichen „Mekka“ von zahlreichen Filmschaffenden etabliert. Auch Detlev Buck ließ im Jahre 2011 das turbulente Finale seiner Komödie „Rubbeldiekatz“ (mit Alexandra Maria Lara und Matthias Schweighöfer) trotz des eiskalten Februarwetters aus der milden Toskana an den zwölf Kilometer langen, breiten Sandstrand verlegen: „Die Nordsee hat im Winter viel mehr Atmosphäre, und das Licht ist ganz besonders fein“, sagte der Regisseur, der seiner Heimat Schleswig-Holstein – Buck stammt aus dem Örtchen Nien­wohld im Kreis Stormarn – bereits mit einigen seiner Filme ein Denkmal setzte.
  • Peter Heinrich Brix und Jan Fedder für „Neues aus Büttenwarder vor der Kamera. Quelle: NDR
    Neues aus Büttenwarder
  • Als Kulisse dient Grönwohld, ein Örtchen nordöstlich von Hamburg Quelle: Ullstein Bild/www.sylent-press.de
    Grönwohld
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Film als Tourismuswerbung

Das nördlichste Bundesland zwischen Nord- und Ostsee bietet seit Jahrzehnten eine Fülle von attraktiven Drehorten für die verschiedensten Filmgenres: Im Schloss Ahrensburg wurden von Jürgen Roland schon Anfang der 60er-Jahre zwei Edgar-Wallace-Krimis verfilmt („Der grüne Bogenschütze“ und „Die seltsame Gräfin“); Schloss Wotersen in Roseburg diente als Stammhaus für den adeligen Clan der Guldenburgs, und die NDR-TV-Serie „Neues aus Büttenwarder“ wird in Grönwohld bei Hamburg produziert. Vor wenigen Monaten erst wurde auf Sylt die dritte Folge der „Nord Nord Mord“-Reihe mit Robert ­Atzorn abgedreht. „Eine idyllische Landschaft, wie sie sich kein Fremdenverkehrsbüro für den Nordsee-Tourismus perfekter ausdenken könnte“, heißt es beim ZDF.

Das Filmgeschäft als Tourismuswerbung? Das leuchtet sofort ein. So bietet die PR-Agentur DS Hotelcommunication Filmfans auf ihrer Website „kulturreise-ideen.de“ eine Fülle von Ausflugs- und Reisezielen zu Drehorten in ganz Norddeutschland an. So stehen sich schon seit ein paar Jahren ganze Busladungen von Filmtouristen in der Lüneburger Altstadt die Füße platt und verfolgen am Stintfang oder dem Hotel Bergström die Dreharbeiten zur erfolgreichen ARD-Telenovela „Rote Rosen“.
Kieler Tatort
Ermitteln für den Kieler „Tatort“: Axel Milber und Sibel Kekilli Quelle: NDR

Auswirkungen auf die Immobilienpreise

Aber kann sich solch eine medial gesteigerte Popularität eines Landstrichs, einer Stadt oder eines Dorfes auch auf die Immobilienpreise auswirken? Die klaren Antworten darauf lauten: „Jein“. Und: „Es kommt darauf an.“ „Ab Mitte der 90er-Jahre haben wir dank der ARD-Serie „Gegen den Wind“ hier in St. Peter tatsächlich einen Boom registriert“, sagt Bürgermeister Balsmeier. Zwischen 1994 und 1997 erfreuten sich immerhin rund fünf Millionen Zuschauer pro Folge an den unterhaltsamen Abenteuern der Surferclique um Nik (Ralf Bauer) und Sven (Hardy Krüger jr.); ab 1998 wurde aus den Surfern noch für zwei weitere Jahre „Die Strandclique“ (unter anderen mit Patrick Bach und Eva Habermann). „Dafür gab es zwei entscheidende Faktoren: Zum einen wurden in der Serie die realen Namen der Originalschauplätze verwendet, zum anderen wurden die Staffeln in den Dritten Programmen wiederholt.“ Auf diese Weise, so Baldmeier, seien die charakteristischen Pfahlbauten am Strand von St. Peter-Ording wohl besonders wirksam ins Bewusstsein eines breiten Publikums gerückt worden.

Und so begannen sich die Badegäste auch zunehmend für Wohn­eigen­tum in und um St. Peter-Ording he­rum zu interessieren, als Kapitalanlage, aber auch als selbst genutzte Wochenend- und Ferienwohnung oder als Altersruhesitz. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Immobilienpreise, wobei Balsmeier einschränkend sagt: „Leider hinkt unser Kreis Nordfriesland schon seit 2008 mit seiner Bodenrichtwertkarte hinterher. Aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: Billiger ist es bei uns nicht geworden …“

Authentizität schlägt Kulisse

Ein Kinofilm – vor allem ein Blockbuster in Cinemascope – kann durchaus das Image eines Ortes befördern. Doch Nachhaltigkeit wird erst durch das TV-Format „Serie“ erzielt. Ines Utecht von der Lüneburg Marketing GmbH aber will den aktuellen Bauboom in der historischen Stadt an der Alten Salzstraße nicht allein „Rote Rosen“ im Ersten zuschreiben: „Selbstverständlich ist die Serie ein fast unbezahlbarer Imagefaktor. Mittlerweile kommen jedes Jahr Tausende von Filmtouristen – nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa –, staunen dann über den mittelalterlichen Flair der Backsteingotik in den verwinkelten Gassen der Altstadt und stellen plötzlich fest: Das ist ja nicht nur Filmkulisse, sondern alles echt!“ Die wachsende Beliebtheit der Stadt liege daher vor allem in der Authentizität begründet sowie in der hervorragenden Infrastruktur und der guten Verkehrsanbindung in die nahe Großstadt Hamburg, was Lüneburg besonders für Berufspendler attraktiv mache.

Das wirkt sich selbstverständlich auf die Grundstückspreise aus. In den großen Lüneburger Neubaugebieten, dem „Hanseviertel“ oder dem „IlmenauGarten“, kostet der Quadratmeter Baugrund inzwischen häufig schon bis zu 300 Euro pro Quadratmeter, vereinzelt werden – je nach Lage – auch „nur“ 200 Euro verlangt. „Die Hamburger empfinden diese Preise als attraktiv. Die Lüneburger aber müssen schlucken“, sagt Ines Utecht.
Nord Nord Mord
Robert Atzorn (M.) verschlägt es in "Nord Nord Mord" nach Sylt Quelle: ZDF

Positive ökonomische Effekte

Bereits vor 15 Jahren stellte das In­sti­tut für Siedlungs- und Wohnungs­wesen der Westfälischen ­Wilhelms-Universi­tät in Münster im Auftrag der IHK Nord Westfalen fest, dass ein Engage­ment von Städten (und Gemeinden) im Filmbusiness für „nachhaltige positive ökonomische Effekte sorgen kann“, allein schon wegen der Produktionskosten, die direkt am Drehort anfallen. Ein besonders guter Gradmesser hierfür sind die „Tatorte“ in der ARD: „Der Werbeeffekt ist nicht mit Geld zu bezahlen“, sagte Juliane Unkelbach von Münster Marketing in einem Interview mit dem Handelsblatt, dabei profitiere die Stadt vor allem von der enormen Beliebtheit des Ermittlerduos Thiel (Axel Prahl) und ­Boerne (Jan Josef Liefers). „Viele Touristen kommen nur in die Stadt, weil sie sie aus dem Tatort kennen.“

Dagegen ist man in Leipzig beinahe schon froh über den Verlust der ziemlich unbeliebten TV-Kommissare Saalfeld/Keppler (Simone Thomalla, Martin Wuttke): „Die durchweg schlechten Kritiken waren für die Tourismuswerbung eher kontraproduktiv und machten selten neugierig auf Leipzig“, zog Leipzig-Marketing-Sprecher Andreas Schmidt Bilanz. In Kiel dagegen sind Fahrradtouren zu den „Tatort“-Sets des Ermittler-Duos Borowski und Brandt (Axel Milberg und Sibel Kekilli) ein Hit.
Lüneburg: Rote Rosen
Lüneburg bildet für die ARD-Serie „Rote Rosen“ die perfekte Kulisse Quelle: ARD

Weniger Einfluss als gedacht

Doch auf die Immobilienpreise hat die Filmwirtschaft letztlich wohl doch weniger Einfluss als erhofft oder befürchtet. „Im Gegensatz zu Lübeck oder Ahrensburg lässt sich bei kleineren Orten wie Grönwohld oder Wotersen keine signifikante Erhöhung der Immobilienpreise feststellen“, sagt Jörg Meister vom ältesten Maklerbüro im Kreis Stormarn, Otto Cropp. Da gehe es eher um den Effekt des „Muss ich mal gesehen haben“. „Ahrensburg dagegen ist schon seit Langem eine attraktive Stadt mit entsprechenden Quadratmeterpreisen – in der übrigens auch einige Schauspieler wohnen.“

Gut 150 Kilometer weiter östlich, in Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern – „Vorort“ des Ostseejuwels Heiligendamm, wo das beschauliche Leben besonders häufig von Filmcrews durcheinander­gewirbelt wird – haben Immobilienfachleute wie Holger Pötzsch von Town & Country House dieselbe Beobachtung gemacht: „Die spezielle Bäderarchitektur und die generelle Attraktivität der Küste spielen letztlich die entscheidenden Rollen bei den Richtwerten. Während in Kühlungsborn Preise zwischen 280 und 320 Euro pro Quadratmeter verlangt und auch bezahlt werden, kostet der Quadratmeter Grund ein paar Kilometer landeinwärts nur noch 100 Euro.“ Fazit: Je näher man am Wasser baut, desto teurer werde eben das Wohnen.