Der Designer Karim Rashid

Die kunterbunte Welt eines Multitalents: Hedda Möller trifft den Designer Karim Rashid, der die Welt nach seinem Willen formt
Wenn Karim Rashid, 54, ein neues seiner unzähligen Produkte präsentiert, hat er die Inszenierung bis ins Detail geplant. So auch an diesem lauen Sommerabend in Hamburg, als er auf der Terrasse des Prizeotel seine Tapetenkollektion vorstellt. Der Ort ist mit Bedacht gewählt, denn auch die Einrichtung des Hotels – ein Mix aus fantasievoll funktionalem Design und Hightech – stammt von Rashid.
  • Das Vier-Sterne-Hotel nhow ist ein Bekenntnis zur Post-Pop-Art-Ära Quelle: nhow Hotel
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  • Im großzügigen Spa und in den Räumen des Hotels taumeln die Sinne im Farbrausch Quelle: nhow Hotel
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  • Auch das Design des Mybrickell in Miami stammt aus der Hand von Karim Rashid Quelle: Silvia Ros
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  • Das Gebäude verfügt über 184 Apartments und wurde 2011 eröffnet Quelle: Mybrickell/Karim Rashid
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  • Der "Ottawa Chair" für BoConcept ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich Quelle: BoConcept
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  • Extravagant: der "Lava Lounger" für VONDOM Quelle: VONDOM
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  • Auch die "Kaj Watches" gibt es in Pop-Art-Farben Quelle: Alessi
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Ein Heimspiel also, dem fast 30 Medienvertreter auf Einladung seines Auftraggebers, der Marburger Tapetenfabrik, beiwohnen. Sie umsitzen den Stargast unter einem Zeltdach auf quadratischen Papphockern im Design zweier Entwürfe. Rashid selbst trägt einen wild gemusterten, perfekt auf Maß gearbeiteten Anzug im Tapetendesign. Noch wilder erscheinen die Tattoos auf seinen Unterarmen, die ab und zu hervorblitzen, wenn er die Arme nach dem Musterbuch ausstreckt und die Entwürfe und ihre Entstehung mit wohl­dosiertem Pathos beschreibt. Die dunkle Sonnenbrille, hinter der sein Gesicht verschwindet, vollendet das Rockstarhafte, fast überirdisch Entrückte seiner Erscheinung. Hinter allem steht die Botschaft: Der Künstler verschmilzt mit seinem Produkt, er lebt es.

"I Want to Change the World“

Die virtuose Inszenierung weckt Neugier auf Mensch und Werk. Wer ist dieser Design-Messias, der, wie er sagt, am liebsten „die ganze Welt neu gestalten und erfinden will“, der im Jahr 2001 seine programmatische Monografie „I Want to Change the World“ veröffentlichte und bis heute über 3.000 Entwürfe, ­darunter Möbel, Uhren, Wohnaccessoires, Duftflakons und Tapeten, mit fast spielerischer Leichtigkeit aus dem Ärmel ­geschüttelt hat? Der aus seinen Design-Büros in New York und Rotterdam rund um den Globus Restaurants und Hotels gestaltet, bereits über 300 Design-Preise eingeheimst hat – und als eine Art Design-Messias mit dem Midas-Touch für seine Auftraggeber so etwas wie ein Garant für hohe Umsätze ist?
Diese Fragen beantwortet Rashid bereits im ersten Teil seines Vortrags, bei dem sich alles um sein „Karimanifesto“ dreht, eine Art künstlerisches Mantra, das im Kern so geht: „Poetisches“ Design erwächst aus menschlichen Erfahrungen und geistiger Interaktion, ihre Produktion dagegen muss sich vor allem wirtschaftlich rechnen. Poesie und Profitstreben vereint sich auf diese Weise zum allumfassenden „Business of Beauty“ des modernen Design-Zeitalters. Rashid formuliert es als Forderung, die schlicht und einfach lautet: „Gutes Design für alle!“

Der Popstar unter den Designern

Nach der Philosophie kommt er zu den Tapeten. Neben zahlreichen unifarbenen Varianten in Pastelltönen und kraftvollen Farben, die er für die Marburger Tapetenfabrik entwickelt hat, erinnern die geometrisch gemusterten Varianten an die psychedelische Formensprache der Pop-Art mit ihren Knallfarben und der Lust am verspielten Detail. Ihr Einfluss, so viel ist schnell klar, prägt auch das Objekt- und Möbeldesign des Künstlers und trug ihm das Prädikat und Gütesiegel ein, der „Popstar unter den Designern“ zu sein. Ein Bild, dem er sich zumindest äußerlich perfekt anverwandelt hat.
Karim Rashid
Es gibt nichts, was er nicht entwirft: Tapeten gehören auch dazu Quelle: Marburger Tapetenfabrik
Der Mensch hinter der Glamourfassade offenbart sich nach dem Abgang von der Bühne beim persönlichen Gespräch. Karim Rashid nimmt sogar die Brille ab, warme dunkle Augen saugen sich am Gegenüber fest. Die Schatten darunter verraten den Jetlag, erst gestern ist er aus New York eingeflogen. Und morgen früh schon geht es weiter nach St. Petersburg, wo er sein nächstes großes Hotel plant. Alles streng geheim. Noch. Sofort kommt er auf sein Lieblingsthema: gutes Design. Oder das, was er darunter versteht. „Es ist Ausdruck meiner Seele. Wie ein Komponist seine Musik komponiert, will ich mit meinen Designs die Welt ein bisschen schöner machen“, sagt er. Ein wuchtiges Statement, doch bei ihm klingt es unspektakulär und selbstverständlich – als hätte meine Nachbarin gesagt: „Ich will heute meinen Garten mal wieder auf Vordermann bringen.“

Gutes Design für alle

Besonders wichtig ist Rashid der kaufmännische Aspekt. Die ­Sache muss sich rechnen für den Auftraggeber, das ­Objekt muss sich gut verkaufen. „Deswegen muss mein Design eine große Schnittmenge von ­Endkunden ansprechen, mit ihnen eine Verbindung eingehen. Die zu schaffen ist meine Hauptaufgabe.“ Wie geht so etwas? Er überlegt kurz, dann kommt es druckreif: „Indem ich ein Design schaffe, das zugleich formschön, provokant, stimulierend und beruhigend ist. Wir leben in einer komplexen Welt, daher muss ich viele verschiedene Befindlichkeiten mit meinen Entwürfen vereinen.“ Gutes Design für alle also.

Der farbige Plastikpapierkorb

Bestes Beispiel für diese Art der Design-Demokratisierung im Sinne seines Manifestes ist sein Plastikpapierkorb „Garbo Can“ für Umbra aus dem Jahr 1994. Dank seiner asymmetrisch geschwungenen Außenlinie und der verschiedenen Pop-Art-Farben avancierte er in kürzester Zeit zum Kultobjekt. Rashid: „Bis dahin gab es nur gesichtslose, schwarze Mülleimer, da dachte ich mir: Es fehlt einfach eine sinnliche, künstlerisch und funktional durchdachte Alternative.“ Der Erfolg gab ihm recht. „Bis heute hat Umbra Abermillionen dieser Körbe unter die Leute gebracht, darauf bin ich wirklich stolz.
Karim Rashid
Auch die Teppiche in dem Berliner Hotel Nhow sind von Karim Rashid entworfen Quelle: Lukas Roth
Der Stapelstuhl „Oh Chair“, den er 1997 ebenfalls für Umbra entworfen hatte, brachte es bis heute auf eine Auflage von über zwei Millionen Stück. Ebenso erfolgreich war seine Karriere im Bereich Packaging-Design. Für Issey Miyake schuf er in den späten 90er-Jahren die legendären Flakons und Verpackungen für die Damen- und Herrendüfte. Als Lampendesigner für Artemide heimste er für seine skulpturhaften, oft verspielten Lichtobjekte während der vergangenen zehn Jahre zahlreiche Design-Preise ein. Mit dem preisgekrönten Restaurant Morimoto (im Jahr 2001) in ­Philadelphia und dem Hotel Semiramis in Athen (2004) setzte er erste ­eigene Akzente im Objektbereich. „Ich habe seither bestimmt an die 100 Einrichtungen gestaltet“, resümiert er. Wie das Hamburger Prizeotel sei auch das Berliner nhow ein Bekenntnis zu coolem, ultramodernem Zeitgeistdesign, das „hohen Komfort zu moderaten Preisen“ anbietet.

Geboren in Kairo, aufgewachsen in Kanada

Seine Kraft schöpft er aus dem Familienleben. Seine deutsche PR-Lady Erika Hellmuth fragt ihn nach seiner kleinen Tochter. Vor einem Jahr ist Rashid zum ersten Mal Vater geworden, mit Mitte 50. Mutter ist die serbischstämmige Chemikerin Ivana Puric, die er 2008 geheiratet hat. „Der Mittelpunkt meines Lebens ist jetzt ganz klar New York, bei meiner Familie“, sagt Rashid. Geerdet sei er jetzt, er wüsste endlich, wo sein Platz sei.

Das war lange nicht so. Ein internationaler, polyglotter Lebensstil, den er über Jahrzehnte pflegte, wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Rashid, der neben Arabisch und Englisch fließend Französisch und Italienisch spricht, kam im Jahr 1960 als Kind ägyptisch-englischer Eltern in Kairo zur Welt, aufgewachsen ist er in Kanada. Hier studierte er später Industriedesign an der Carleton University in Ottawa – eine Wahl, die er noch heute als zwangsläufig empfindet: „Als siebenjähriger Junge bin ich täglich mit meinem Bruder und meinem Vater über die Expo in Montreal gegangen und habe dort die Entwürfe von Designern wie Buckminster Fuller, Sarranin, Colani, Nelson oder Isaac Asimov in mich aufgesogen“, erinnert er sich. Er wusste: Das war die Welt, zu der er eines Tages gehören wollte. Dieses Ziel verfolgte er mit Ehrgeiz und Intuition für die richtigen Menschen und Gelegenheiten.

Schönheit und Harmonie

Förderer nach seinem Studium waren nicht umsonst der legendäre Memphis-Gründer Ettore Sottsass und Rodolfo Bonetto. Nach einem kurzen Intermezzo beschloss er im Jahr 1993, sich unter dem Dach der eigenen Marke zu etablieren, statt sein Talent weiterhin in den Dienst anderer Designer zu stellen: Rashid eröffnete seine beiden Studios in New York City und Rotterdam und startete von diesen beiden Basen aus seinen internationalen Design-Feldzug im Sinne des „Karimanifesto“.
Karim Rashid
An Schuhen hat er sich schon probiert. Fehlt nur noch eine Modekollektion Quelle: Sully Wong
Ein Re-Design à la Rashid könnten seiner Meinung nach fast alle Lebensbereiche gebrauchen, allen voran Krankenhäuser, Wohnhäuser sowieso, dazu alle Alltagsgegenstände wie Toaster, Bügeleisen, Haartrockner, Koffer oder Kaffeemaschinen. Auch ein Elektroauto traue er sich zu, sagt er. „Es gibt überall so viel Verbesserungsbedarf.“ Und irgendwann will er „auf jeden Fall“ seine eigene Modelinie auf den Markt bringen. Dann lässt er ein Statement folgen, das mit Sicherheit auch in seinem Skript steht, das er bei seinen Vorlesungen an internationalen Universitäten hervorholt: „ Gutes Design kann Menschen zum Positiven verändern, weil es unseren praktischen und ästhetischen Bedürfnissen entspricht. Schlechtes Design dagegen stresst uns, verkompliziert vieles und bringt am Ende nichts Schönes in die Welt.“ Auf den Punkt: Produkte und Möbel müssen der emotionalen Grundstruktur des Menschen entsprechen, die in erster Linie nach Schönheit und Harmonie verlangt.

Die Tattoos

Zum Ende des Gesprächs lüftet Rashid, wohl zum ungezählten Mal, das Geheimnis seiner Tattoos. Routiniert macht er den Unterarm frei, es erscheinen krytpische Symbole, die einem irgendwie vertraut vorkommen. Tatsächlich sind es die sonderbaren Zeichen auf der Startseite seiner Homepage. Sie stellen, so Rashid, die verschiedenen Aspekte seines „Karimanifesto“ dar. Das erste, kreuz­förmige Symbol heißt „Now“ und ist ein Bekenntnis zur Gegenwart, der, so Rashid, „wunderbaren Zeit, in der wir leben, mit all ihren kommunikativen, technischen Möglichkeiten“. Andere Zeichen verweisen auf die verschiedenen Design-Bereiche, in denen er die „Rashidisierung“ der Welt vorantreibt.
Darunter ist ein Tattoo in Form eines gekippten O, das für ­„Furniture“ steht; oder der Bumerang für das Packaging-Design. Beides hat er erfolgreich abgehakt. Bleibt der Bereich „Fashion“, den er mit einem eigenen Symbol vorweggenommen hat. Es scheint, als habe er das Buch seines Lebens entlang seines Arms in die Haut geritzt. Wer ihn an diesem Abend erlebt hat, seine Energie und seine Design-Beseeltheit, weiß: Es ist eine Frage der Zeit, bis Karim Rashid seine eigene Modekollektion auf den Markt bringt.