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Architektur

Grün ist die Zukunft

 

Was ist noch Utopie, was schon Wirklichkeit? Ehrgeizige Projekte läuten in der ökologischen Architektur eine neue Epoche ein

 

von Gerald Paschen

ie Stadt der Zukunft betreibt in ihrem Zentrum auch Landwirtschaft. Was im ersten Moment nach Steinzeitkommunismus klingt, ist eine der neuesten Visionen von „grüner“ Architektur. Der futuristische Entwurf „Dragonfly“ des belgischen Architekten Vincent Callebaut sieht vor, auf Roosevelt Island, der Insel im East River zwischen den New Yorker Stadtteilen Manhattan und Queens, einen 600 Meter hohen Komplex zu errichten, in dem unter anderem Obstplantagen und Gemüsefelder entstehen würden. Durch die Architektur soll die Natur zurück ins Zentrum der Metropole geholt werden. Angesichts knapper Flächen geht das natürlich nur vertikal. Begrünung hat den Vorteil, die Nachhaltigkeit von Gebäuden zu steigern. Eine Schicht Erde dämmt und erlaubt eine Bepflanzung. Mit der urbanen Agrarwirtschaft würde die Stadt dann auch noch unabhängiger von Lebensmittellieferungen werden.

Keine Frage – egal ob die Pläne Callebauts Wirklichkeit werden oder nicht – „grünes Bauen“ ist derzeit das Thema der Stunde. Angesichts der Tatsache, dass Gebäude zu den größten Verbrauchern natürlicher Ressourcen zählen und für einen bedeutenden Teil der Treibhausemissionen verantwortlich sind, steht das Bauen immer stärker im Fokus, wenn es um Klimawandel und den Verbrauch von Rohmaterialien geht. Häuser im Sinne von Nachhaltigkeit, Synergie und Ökologie zu bauen, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Credo für die moderne Architektur geworden.

Nur – eine einheitliche Richtung gibt es bei dieser „grünen Revolution“ nicht, zu unterschiedlich sind die Entwürfe, zu zurückhaltend ist man bei der Umsetzung: Im schwedischen Malmö gibt es einen klimaneutralen Stadtteil mit 3.000 Wohnungen und in Freiburg im Breisgau eine Siedlung mit Plusenergiehäusern. Ein entscheidender Punkt bleibt die Marktfähigkeit der Projekte: Ökologie und Energieeffizienz allein reichen heute oft nicht mehr, auch Design und Komfort müssen stimmen.

Ein Pionier in dieser Richtung wollen die Vereinigten Arabischen Emirate sein. Unter der Regie des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster wird seit dem Februar 2008 an Masdar City, der ersten Nullemissionsstadt der Welt gebaut. In der Ökostadt soll es kein Kohlendioxid, keinen Abfall und keine Autos geben. 22 Milliarden Dollar wollen die Scheichs für das Prestigeprojekt investieren, das im Jahr 2016 für rund 50.000 Einwohner bezugsfertig sein soll. Masdar ist für das Nach-Öl-Zeitalter Abu Dhabis gedacht.

Geplant ist eine Stadt, die sich vollständig mit Strom, der durch Sonne und Wind erzeugt wird, selbst versorgt. Erdöl spielt keine Rolle mehr. Masdar wird von Solarfarmen und von Parkhäusern umgeben sein. Mit vollautomatischen elektrischen Personen-Shuttles, die an klassische Science-Fiction-Szenarien erinnern, bewegt man sich in der Stadt fort. Dieses Transportsystem soll unter der sechs Quadratkilometer großen Stadt liegen, die komplett auf Stelzen errichtet wird. Durch elektische Induktionsschleifen im Boden finden die Fahrzeuge ihren Weg, nachdem im Bordcomputer das Ziel eingegeben wurde. Mit diesem Verkehrssystem wird Neuland betreten.

Äußerlich wird die Architektur Masdars ein Gegenentwurf zu den Wohn- und Bürotürmen, die Abu Dhabi oder auch Dubai bisher prägen. Niedrige Bauten mit zwei oder drei Geschossen sollen dominieren. Man besinnt sich auf den traditionellen arabischen Stil des Städtebaus: eine dichte Bebauung mit engen Gassen, die in der Wüstenhitze von bis zu 50 Grad Celsius natürlichen Schatten spenden. Teiche und Springbrunnen kühlen die Luft zusätzlich.

Masdar ist heute das ambitionierteste Projekt einer Ökostadt und zugleich ein Experimentierfeld für grünes Bauen, besonders für die Solarenergie. 


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