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Italien

Stille in der Schlossallee

 

Ortstermin in Süditalien: In der Stadt, die denselben Namen trägt wie das beliebteste Immobilienspiel der Welt

 

von Helge Sobik

Die Straße ist keine zwei Meter breit. An den Balkonen Wäsche, die Geländer rostig, ein Radio dudelt – und manchmal hört man Meeresrauschen: Brecher schlagen gegen die nahe Festungsmauer am Altstadtrand. Ein Hotel gibt es in der Vico Castello – der „Schlossstraße“ – jedoch nicht. Nur ein Handtuch hängt zum Trocknen aus einem Fenster, das irgendwer mal hat mitgehen lassen. Es trägt das eingewebte Logo der IbisHotels.

Beim Monopoly ist die Schlossallee die teuerste Adresse. Wer es schafft, dort ein Hotel zu bauen, hat das vor über 100 Jahren erfundene Spiel so gut wie gewonnen. In Monopoli an der Adria aber zählt diese Adresse wenig: nicht teuer, keine Allee, sondern eine Gasse. Aber sehr stimmungsvoll. „Ein Hotel in unserer Straße?“ Die Frau auf dem Balkon lacht zwischen ihren Topfblumen hervor: „Zu eng, zu alt, zu schön. Das hat noch keiner versucht“, ruft sie herunter. Und lacht wieder.

Soviel Spiel steckt in Monopoli

Manche Adresse aus dem Spekulantenspiel findet sich tatsächlich in der süditalienischen Wirklichkeit wieder, von der Hafen- über die See- bis zur Schlossstraße: 49.000 Einwohner hat die Stadt; 42 Kilometer südlich von Bari klebt sie auf einem Kliff. Und wer hinwill, braucht nicht erst „über Los zu gehen“ und muss auch nicht ins Gefängnis. Obwohl es ganz in der Nähe eine große Haftanstalt gibt.

Bargeldbündel wie bei dem Brettspiel braucht auch niemand. Das echte Monopoli ist preiswert geblieben: Zwei Euro fünfzig kostet ein Kännchen Tee auf der Piazza Garibaldi, einssiebzig der Cappuccino. Anders als im Spiel gibt es auch nur einen Bahnhof, an dem wenig los ist. Der Wartesaal hat 18 unbequeme Drahtstühlchen, einmal täglich fährt ein Zug nach Rom. Es gibt sechs Museen, aber keine Museumsstraße. Ein Theater gab es mal – eine Theaterstraße nie.

„Wir wollen bald wieder eines eröffnen“, sprudelt es aus Angelo Laveneziana vom Fremdenverkehrsamt heraus. Er war es, der bei seinen Mitbürgern den Sinn fürs Monopoly-Spiel geweckt und die Chancen aufgezeigt hat, die der Name für den Tourismus haben kann. Als der Spiele-Hersteller Parker kürzlich online abstimmen ließ, welche italienischen Städte auf einer nationalen Monopoly-Ausgabe auftauchen sollten, rührte Laveneziana die Werbetrommel – und katapultierte sein Städtchen auf Platz acht.

Günstige Altstadt, beliebte Neustadt

Drei Hotels gibt es im Zentrum von Monopoli – und jede Menge Leerstand in der Altstadt. Weil es dort bis vor sechs Jahren keine Straßenbeleuchtung gab und nur Schmuggler bei Dunkelheit einen Schritt in das Labyrinth setzen wollten. „Vor dreißig Jahren bekam man ein Altstadthaus hier fast geschenkt“, erinnert sich der Deutsche Robert Schupp, der vor fünf Jahren mit seiner Frau herzog, zwei Schmuckläden eröffnete und jetzt auf vier Etagen direkt an der Stadtmauer wohnt –schick renoviert, mit Meerblick aus jedem Zimmer. „Noch heute sind die Altstadt-Immobilien günstig“, sagt Schupp. „In der Neustadt zahlen sie heute 3.000 Euro pro Quadratmeter für eine Wohnung. Aber die Altstadt erscheint ihnen wertlos.“

Auch Vito Palmitessa wohnt in der Neustadt – und ist ein echter Monopoli-Gewinner. Weil die Einheimischen durch Lavenezianas Kampagne Lust auf das Spiel bekamen. Und weil immer mehr Urlauber danach fragen. Sieben Versionen hat er im Regal, rund 120 Stück verkauft der Mann, Besitzer des größten Spielwarenladens der Stadt, seither im Jahr. Ob er es selbst spielt? „Sehr gern“, sagt Vito und strahlt. Und wer gewinnt? „Immer die Kinder, die sind raffinierter.“ Seine Lieblingsstraße? „Die Schlossallee.“ Auch weil sie im wirklichen Leben so schön ist – mit den Balkonen, den Blumentöpfen, der Wäsche über der Straße. Und dem Meeresrauschen.

aus Bellevue Nr. 01/2011






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Veröffentlicht am Donnerstag, 24.Februar 2011 um 10:36 Uhr

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