Jetzt im Handel: Bellevue 5/2010
Das aktuelle BELLEVUE-Heft

BELLEVUE
Ausgabe 5/2010

  • Wohnen am Wasser
  • Städtetest
  • Stuttgart-Special
  • Filmhäuser

u. v. m.

Pfeil zurück zurück zur Übersicht | alle Themen  Pfeil zurück 1 | 2  

Peking: Olympisches Dorf

Immobilienkauf ohne Besichtigung

 

Am 8. August beginnen die Spiele in Peking. 16.000 Teilnehmer beziehen dann das nagelneue olympische Dorf – das anschließend verkauft wird. Besichtigen darf man es vorab aber nicht

 

von Martin Brandes

China hat eine neue Verbotene Stadt: das olympische Dorf im Norden Pekings. Denn wie früher die 72 Hektar große Residenz der Mandschu-Kaiser in der Mitte der Metropole, so ist auch diese mit 66 Hektar nicht wesentlich kleinere, dafür aber architektonisch umso schlichtere Residenz der mehr als 16.000 Sportler und Offiziellen aus aller Welt eine streng bewachte No-go-Area.

Nur eines ist anders als zu Mandschu-Zeiten: Kaufen ist erlaubt, wenn auch nicht für Ausländer. Nur chinesischen Staatsbürgern ist der (blinde!) Erwerb einer der 2.000 Wohnungen in den sechs- oder neunstöckigen Häusern des „Dorfes“ möglich. Apartments, in denen chinesische Sportler wohnen werden, sind deshalb besonders begehrt: Fast alle Interessenten wollen wissen, wo denn nun die nationalen Medaillenhoffnungen unterkommen. Doch auch hier gilt: Alles höchstes Staatsgeheimnis.

Unabhängig von der Nationalität der Olympioniken ist der Quadratmeterpreis: Er liegt bei 28.000 Renminbi (RMB; umgerechnet etwa 2.800 Euro) zuzüglich einer Verwaltungsgebühr von 2,4 RMB (0,24 Euro) pro Quadratmeter – beides Champions League in Peking. Ob das dann auch auf die Bauqualität zutrifft, ist eine Frage, die sich mangels Augenschein und aufgrund fehlender Fakten in den opulenten Verkaufsprospekten und Promovideos nicht beantworten lässt.

Ein Rundgang um das bewachte und mit doppelten Stahlzäunen gesicherte Gelände des Dorfes ist aber auch dem Ausländer gestattet. In Sichtweite, an der 4. Ringstraße, liegen die Stadien – darunter das berühmte stählerne „Bird’s Nest“ –, und der 760 Hektar große olympische Wald befindet sich gleich jenseits der sechsspurigen Bei Chen Xi Lu, die auch Zufahrtsstraße für den Servicebereich der Stadien ist. Viel Grün und Wasser umgibt auch die 42 Wohngebäude, die mit ihren anthrazitfarbenen Fassaden an europäische Wohnparks für Mittelstandsfamilien erinnern. In Peking wird es die chinesische Upperclass-Familie sein (mit dem Porsche Cayenne als Zweitwagen für die Hausfrau), die das Gefühl genießt, eine Wohnung nah am Herzen des chinesischen Drachen zu bewohnen – des chinesischen Glückssymbols überhaupt und deshalb auch offizielles Signum der Spiele. Wie nichts anderes im heutigen China verkörpern also der Drache und Olympia die Einheit von Tradition und Moderne. Jedes Infragestellen betrifft daher nicht nur die Spiele selbst, sondern gefährdet existentiell die Modernisierung Chinas – und damit die ökonomische Zukunft seiner Bürger.

Allerdings: Das Befahren und Beparken des Geländes bleibt auch nach der Übergabe an die Neubesitzer verboten; der Cayenne muss also in die Tiefgarage. Für die autoverrückten Chinesen ist das gewöhnungsbedürftig – viel mehr jedenfalls als das Verbot des persönlichen Augenscheins und das Fehlen von nachprüfbaren Informationen über die Bauqualität: Obwohl als frühester Einzugs- und damit Besichtigungstermin der Oktober 2009 festgelegt wurde, sind 70 Prozent der Wohnungen jetzt schon verkauft.

Im zweiten Teil des Artikels stellen wir Ihnen einen Käufer vor »


Icon Drucken  Artikel drucken Icon versenden  Artikel versenden
Pfeil zurück zurück zur Übersicht | alle Themen  Pfeil zurück 1 | 2  

Artikel zur Region